From Riga with Love: Glocalized

Wer sich auf eine Reise nach Riga,die Hauptstadt Lettlands begibt, kommt in eine Metropole der Kontraste. Wunderbare Jugendstil-Architektur neben Plattenbauten und modernen Glasgebäuden. Touristenfallen neben kleinen lokalen Läden, arm und reich dicht beieinander. Fast wie in Leipzig noch vor einigen Jahren… In der Riga Altstadt fühlen sich alle Bobos und Weltenbummler garantiert nicht fremd – sieht es hier doch aus wie in jeder europäischen Großstadt mit all den bekannten Franchise-Outlets. Und natürlich gibt es große Supermärkte, wie die Kette Rimi, wo man alle Markenprodukte als teure Importware kaufen kann. Wer aber etwas weniger Globalisierung und mehr einheimische Produkte möchte, kommt in Riga auch auf seine Kosten. Gleich neben dem Hauptbahnhof auf dem Zentralmarkt ist man fast in einer anderen Welt.
Einkaufen unter Hangardächern
Lettland hat innerhalb der EU mit am meisten unter der Inflation zu leiden (im Jahresmittel um 15%, z.B. hat sich Butter von 2007 auf 2008 mehr als verdoppelt im Preis – auf der Webseite des Zentralmarktes kann man sich diePreisentwicklung ansehen). In den Supermärkten finden sich fast durch die Bank “deutsche”, teilweise sogar “italienische” Preise. Bei einem Pro-Kopf-Einkommen was aber nur bei ca. 50% des EU-Durchschnitts liegt eine schwierige Sache… Auf dem Zentralmarkt sind die Preise etwas humaner, aber weiterhin hoch. Dafür ist die Auswahl wirklich riesig. Hier gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Neben Lebensmitteln kann der Besucher Kleidung, Blumen, Wasserhähne, Kassetten(!) mit Russenpop, Reifen, Spielkonsolen-Raubkopien und vieles mehr bewundern, bzw. erwerben. Der Zentralmarkt ist der größte Lebensmittelmarkt Lettlands und ist auf 5 Hallen verteilt, die verdächtig nach Zeppelin-Anlagen aussehen. Das hat seinen Grund, da die Dächer tatsächlich Flugzeughallen sind, die 1922 der kaiserlichen deutschen Armee abgekauft wurden. Die fünf Pavillons haben je eine Lebensmittelgattung unter den jeweiligen Dächern: Gemüse, Milch, Fleisch, Fisch und Gastronomie. Fast noch spannender sind die ganzen Stände rund um die Hallen, dort wird alles durcheinandern verkauft.

Honig und Marmelade
Im Volksmund wird der Markt auch gerne “Russenmarkt” genannt, was bei der Dichte an russischen Händlern auch passend ist. Touristen mit Russischkenntnissen kommen somit schnell an die gewünschte Ware, aber die meisten Händler können auch genügend Brocken Englisch, um die Transaktionen über die Bühne zu bringen. Dank meiner bezaubernden Begleitung, die der russischen Sprache mehr als mächtig ist, war die Verständigung mit den Händlern aber überhaupt kein Problem. Gekauft haben wir ein paar kulinarische Souvenirs, darunter original lettischen Honig aus der Region. Viele lettische Bauern haben ihre eigenen Bienenstöcke und die Honigproduktion ist das Geschäft zahlreicher Bauernhöfe, seitdem der Fischfang sich wegen der leergefischten Ostsee nicht mehr richtig lohnt. Ausserdem erwarben wir von einem Ömchen draußen vor den Hallen eine selbstgemachte Himbeer-Walderdbeeren-Marmelade. Traditionell erhält man von diesen älteren Damen, deren Verkaufsstände meist sehr sehr klein sind, nicht nur die gewünschte Ware sondern auch gleich Gottes Segen noch dazu. Ganz billig war das etwa 200g fassende Glas auch nicht (1 LVL), aber dafür ging der Silberling eben nicht an Dr. Oettger sondern an Einheimische. “Bio” ist (nicht nur) auf dem Zentralmarkt noch kein Thema – was aber nicht so schlimm ist, da viele Produkte aus regionaler Produktion stammen, und einem der Händler auch sagen kann, was für Mittelchen der Bauer an sein Obst und Gemüse lässt.
Tipp: Kümmel-Malzbrot
Ein typisches “Herrengedeck” für den Abend in Riga besteht aus lettischem Bier (Aldaris, Cesu oder Lìvu), Käse und einem guten Brot. Sorten gibt es in Riga viele zu kaufen – egal ob hell oder dunkel, auch viele Sauerteigbrote gibt es (der deutsche Einfluss!). Teigwaren sind übrigens eines der wenigen Produkte die auch im Supermarkt recht günstig zu bekommen sind – in den großen Rimi-Märkten kann man sogar den Bäckerinnen beim Backen zuschauen. Sehr lecker sind übrigens die Sesam- und Mohnkringel. Etwas ganz spezielles und für manche Zeitgenossen sicherlich gewöhnungsbedürftig ist das würzige Malzbrot. Schon beim Öffnen der Packung strömt einem der Duft von Kümmel entgegen. Lecker! Selbstredend wurde ein Laib mit in den Koffer gepackt. Wieder zu Hause angekommen, musste natürlich gleich die Marmelade probiert werden. Stilecht auf eben erwähntem lettischen Malzbrot. Auch wenn es etwas seltsam anmutet, die Mischung ist gut. Die extrem süße und doch fruchtige Marmelade passt hervorragend zum würzigen Brot. Hauchdünn mit Butter beschmiert und einer guten Schicht der Himbeer-Marmelade… hmmmm, köstlich! Manchmal braucht man keine Sterne-Küche, um seinen Gaumen mit ungewohnten aber dennoch kulinarischen Spezialitäten zu kitzeln…
Ende des 1. Teils

Kommentare
Ein Kommentar zu “From Riga with Love: Glocalized”Trackbacks
Finden Sie heraus, was andere zu diesem Artikel gesagt haben[...] stammt, aber ohne Bio-Siegel ist. Ob unsere Marmelade, die vom russischen Markt in Riga stammt (wir berichteten), Bio ist oder nicht – wissen wir leider nicht. Dafür ist der ebenfalls in Lettland erworbene [...]