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Und täglich grüßte die Kartoffel

27. November 2007 von Manuel  
Abgelegt unter Genuss

Damals™, als die Ableistung eines Staatsdienstes, entweder mit Waffe oder mit der Bettpfanne noch verpflichtend war und empfindlich lange gedauert hat, damals war ich “Zivi” und leistete eben diesen Dienst in einer Werkstatt für Behinderte ab. Dort gab es auch eine Kantine, die sich eigentlich nur dadurch von anderen Kantinen unterschied, dass es in der Küche noch lauter zuging als in “normalen” Küchen – und dass die Gerichtswahl noch etwas eingeschränkter war.

Für das “Essen” durften wir Zivis jeden Tag 2,50 Mark von unserem kargen Lohn gleich wieder abgeben. Aber was soll, man gewöhnt sich an vieles und da Muttern zum Kochen nicht greifbar war (kein Heimschläfer!) war man fast dankbar für eine tägliche warme Mahlzeit. Da der Deutsche gerne Kartoffeln ist, und gerade der Norddeutsche allergisch auf zu plötzliche Essensumstellungen reagiert (seit wann kann man Reis im Supermarkt kaufen? Stimmt, erst seit einigen Jahrzehnten), gab es zu den Kantinen-Gerichten fast immer Kartoffeln. Praktischerweise wurden die Essenspläne immer Wochen im Voraus ausgehängt, und so wusste man schnell wann eine längere Ausfahrt (mit dem altersschwachen LKW) nötig waren, um z.B. der berüchtigten “Becher-Mehl “-Sauce zu entrinnen.

Reihum mussten wir Zivis Mittagsdienst leisten, was nicht nur stressige Arbeit war, sondern auch den Adrenalinpegel stetig oben hielt. Warum? Nun – in der knapp 100 Leute großen Belegschaft gab es einige Diabetiker und viele Kollegen mit speziellen Diätplänen. Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn der freundliche X plötzlich einen Apfelkompott mit Sahne bekommen hätte, statt des ihm zustehenden (und gesundlich zuträglicheren) simplen Apfels? Noch heute habe ich manchmal Alpträume, wie ich die große Essenshalle in sirupartiger Zeitlupe durchrenne um Frau B. das Schnitzel wieder zu entreißen und hastig gegen die Gemüsebratlinge (nein, ich weiss nicht, was da drin war – ich hoffe, es waren wirklich Nüsse und Grünkern) auszutauschen – da Frau B. sonst wegen des Fleischgenusses sofort kollabiert wäre…

Wie ich schon erwähnte, gab es für alle Gerichte (ausser Milchreis) die “Notkartoffel” als Beilage. Dies wurde auch von einigen Kantinenbesuchern immer vehement eingefordert. Sogar bei der Reispfanne war der Reis nicht erwünscht – “geh mir weg mit dem Krümmelzeugs – ich will Tuffels” (Plattdeutsch für Kartoffeln). Und so landete auf vielen Tellern die gute gelbe Kartoffel… tagein, tagaus. Wahrscheinlich ist die Werkstatt tatkräftig am enorm hohen Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland beteiligt gewesen. Für Kartoffeln liegt dieser nämlich bei ca. 60 Kilo, der Reis kommt nur auf ein Zwanzigstel der Menge. Auch wenn die Friesen lange Zeit als nicht wirklich obrigkeitshörig galten (man lese sich zur romantisch verklärten friesischen Freiheit gerne hier ein), scheinen Sie in Bezug auf Nahrungsmittel einmal auf die Obrigkeit gehört zu haben. So waren es die Preußenkönige, unter ihnen Friedrich der Große, die per Kartoffel-Dekret Anweisungen zum Anbau und Verzehr der Knollenfrucht gaben. Mit ihr sollte die hungrige Bevölkerung nach dem 7-jährigen Krieg ihr Nahrungsprobleme lösen – aber vor allem diente die Kartoffel als Kriegsverpflegung. “Satte Soldaten kämpfen besser!”.

Als mein Zivildienst beendet und ich auch den Kochtöpfen der Werkskantine entronnen war, hatte ich für mindestens ein Jahr eine extreme Abneigung gegen Kartoffeln. Ich musste mein Knollentrauma mit jeder Menge Pasta, Reis und anderen Getreidearten verarbeiten. Das war schwierig, aber meistens doch sehr lecker. Aber irgendwann konnte ich im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt auch wieder zur Kartoffel greifen. Zuerst ganz vorsichtig, dann immer mutiger. Mit Reibekuchen und Kartoffelbrei wagte ich die allmähliche Annäherung. Zwischendurch hatte ich natürlich schon die ein oder andere Portion Pommes-Frites gegessen – man will ja nicht einrosten! Unsere freundschaftlichen Bande wuchsen langsam, aber beständig. Und mit jeder Mahlzeit gewann ich die gelbe Knolle wieder ein Stückchen mehr lieb.

Heute kann ich sagen – meine Kartoffelphobie ist geheilt! Ich esse wieder regelmäßig Kartoffeln. Gebraten, gestampft, frittiert, gekocht… you name it. Es gibt aber auch wirklich schöne Kartoffelspeisen, oder? Neu hinzugekommen ist durch den Aufenthalt in der Schweiz die von würzigem Käse umhüllte Kartoffel, auch als Raclette bekannt. Die Schweizer haben übrigens für die Knolle gleich eine eigene Webseite eingerichtet – www.kartoffel.ch. Die übrigens auch für Deutsche und Österreicher interessant ist, gibt es da doch viele leckere Rezeptideen. Von Älpler Pesto bis Wildkräuter-Kartoffel-Salat reicht die Palette. In diesem Sinne – guten Appetit! Denn die nächste Kartoffelspeise ist immer nur einen Kochtopf entfernt…

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Kommentare

2 Kommentare zu “Und täglich grüßte die Kartoffel”
  1. Olli sagt:

    Kartoffeln gibts ja viele. Die beste ist die Linda (sage ich als Küchenchef meiner kleinen 2 Mannküche) ;) .
    Meine Frau und ich haben uns gedacht, in Anbetracht der Problematik rund um die Linda, das wir diese mal selbst weitervermehren. http://www.diegruenewelt.de/Rettet_Linda.phtml da kann man den Erfahrungsbericht lesen.

    Falls jemand Linda in die Finger bekommt sei es unbedingt empfohlen das Kochwasser gut zu salzen und dann die Knolle gemütlich auf der Zunge zergehen zu lassen.
    Man merkt den Unterschied zw anderen Kartoffeln teilweise erhelblich.
    Jetzt warten wir auf nächstes Jahr um unseren Anbau fortzuführen … malsehen wieviel Kartoffeln wir nächstes Jahr ernten

  2. So wie ich hörte (Westfälisches Wochenblatt), soll Linda auch im kommenden Jahr wieder weiter vertrieben werden. Europlant scheint seine Strategie zu ändern. Es scheint auch so zu sein, dass in Schottland eine Sortenzulassung nach EU-Recht für Linda beantragt wurde. Dann könnte Linda von Schottland nach Deutschland importiert werden … !?!
    Übrigens aß ich mal eine Sorte die Exquisa hieß, und war dermaßen begeistert! Schade nur dass es bei diesem einen Mal blieb.
    Für jede Menge Kartoffelrezepte kann sich einer übrigens auch bei www.toffi.net/rezepte.htm umschauen. Da gibt es herrlich leckeres aus aller Welt. Kartoffeln sind nun mal was anderes als Reis (Sorry!), auch wenn ich ganz gerne mal eine leckere Reispfanne esse.
    Aber bei Kartoffel bin und bleibe ich norddeutsch … !?!

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