Fred kauft ein: April 2008

02. April 2008
Sie hier?
Warum ist es eigentlich oft unangenehm, beim Einkaufen Bekannte zu treffen? Bestimmte Bekannte jedenfalls. Vor vielen Jahren traf ich meinen damaligen Ressortleiter in einer Hamburger SPAR-Filiale. Meine Begrüßung war schon nicht besonders souverän: »Hallo, äh, was machen Sie denn hier?« Statt zu antworten, starrte er befremdet in meinen Einkaufswagen: Vier Salatgurken, eine Flasche Olivenöl und zwei Großpackungen Slipeinlagen. »Für meine Nachbarin!«, erklärte ich.
Die Arme lag tatsächlich gerade mit einer Blasenentzündung danieder und hatte sich – neben den Einlagen – noch einen Tomaten-Gurken-Salat gewünscht. »Tomaten habe ich noch zuhause!«, setzte ich einigermaßen idiotisch hinzu, doch mein durchtrainierter Chef (im Einkaufswagen: Müsli, Joghurt, Knäckebrot, fettarme Milch) war bereits entschwunden. Zwei Tage vorher hatte ich ihm eine Glosse über den Trend zur Masturbation in der populären Hollywood-Komödie vorgeschlagen. Wir haben nie wieder über das Thema gesprochen.
Überhaupt Gespräch. Wie macht man Smalltalk im Supermarkt? Mit Leuten, die man schon kennt und daher irgendwie grüssen muss? Die Frage »Was machen Sie denn hier?« ist beim Einkauf so ungeeignet wie auf der Herrentoilette. Der beliebte Eisbrecher »Sind Sie öfter hier?« ist vor allem unangebracht, wenn man gemeinsam vor dem Schnaps-Regal steht. Manche Sätze bleiben für immer rätselhaft. Neulich hetzte ein Mitspieler aus meiner ehemaligen Fußballmannschaft bei Basic an mir vorbei und rief mir ein verwirrtes »Auch Bio?« zu.
Der Einkauf ist ein intimer Moment. Im Inhalt unserer Einkaufswagen widerspiegeln sich unsere Laster und Inkonsequenzen. Der Kollege, der so gern flammende Reden gegen den »Schurkenstaat Amerika« führt, macht mit sechs Dosen Cola light im Korb nicht den besten Eindruck. Der Nachbar, der einem immer die Foodwatch-Kampagnen weitermailt, dürfte ebenfalls eher ungern mit Mars-Riegeln und Käfigeiern bei EDEKA gesehen werden. Diät-Schokolade (wenn man gesund ist) oder fettarme Milch (Sorry, Chef!) disqualifizieren den Käufer grundsätzlich.
Unverhoffte Begegnungen im Supermarkt haben aber auch ihre heiteren Momente. Wenn man den Block/Hauswart, der seine Befehle an die Mieter stets in eine kräftige Alkoholfahne hüllt, dabei trifft, wie er ein Gebirge aus Bierflaschen im Pfandautomaten entsorgt, kann man ihn mit einem fröhlichen »Na, das reicht ja fast schon für ein neues Auto!« bändigen. Schön auch, wenn man beobachten kann, wie arrogante Ex-Mitschülerinnen an der Kasse von ihren eigenen, natürlich grottenhässlichen, Kindern getreten werden. Sogar meinem früheren Chef bin ich Jahre später wieder in einem Supermarkt begegnet. In seinem Einkaufswagen lag eine einsame Mohrrübe. »Na«, hörte ich mich sagen, »das sieht ja nach einem netten Abend aus.«
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11. April 2008
Made in China
Gestern habe ich den ersten getroffen, der aus politischen Gründen nicht mehr chinesisch essen geht: »Wegen Tibet«, erklärte der junge Mann voller Eigenstolz, tippte bekräftigend seinen Adidas-Turnschuh (»Made in China«) auf den Boden und setzte seinen iPod (»Made in China«) wieder auf. Irgendwas müsse man doch tun, höre ich oft in diesen Tagen. Politiker, die wie üblich schnell bei der Hand sind mit Forderungen, deren Auswirkungen sie nicht betreffen, überbieten sich gegenseitig im Maulheldentum und fordern einen Olympiaboykott. Als stünde nur noch die Olympiateilnahme etwa einer deutschen Florettfechterin der sofortigen »Befreiung« Tibets im Wege. Ich warte stündlich darauf, dass der erste Grünen-Politiker aus seiner Solidaritätsmeditation erwacht und einen Totalboykott chinesischer Waren anregt.
Familie Kaspers aus Dormagen hat vor ein paar Wochen für den WDR schon mal ausprobiert, wie so ein Leben ohne »Made in China« aussehen würde. Einen Monat lang durfte nichts gekauft oder genutzt werden, was in China gefertigt wurde. Selten habe ich ein traurigeres Mädchen wie die Tochter der Kaspers gesehen als sie feststellte, dass sämtliche Ladegeräte für ihr Handy aus China stammen. Und selten einen stolzeren Vater als es ihm gelungen war, ein gutes altes deutsches Kurbelradio in Schwung zu bringen.Die Idee hatte sich der WDR von der amerikanischen Wirtschaftsjournalistin Sara Bongiorni geliehen, die ihre Familie gleich mit einem ganzjährigen »Made in China«-Boykott traktierte. Sie wollte wissen, wie viel Wahlfreiheit man als Konsument im Zeitalter der Globalisierung überhaupt noch hat. Ihre Einkaufstortour hat sie in einem amüsanten, wenn auch recht oberflächlichen, Buch beschrieben. Einmal schmuggelte ihr entnervter Gatte, ein passionierter Heimwerker, heimlich einen chinesischen Pinsel ins Haus. Wiederholen würde sie das Experiment nicht: »Zu anstrengend.«Tatsächlich kommen heute über die Hälfte der in Deutschland verkauften Schuhe, ein Großteil unserer Textilien, fast alle Batterien, jedes zweite Handy, jeder dritte Computer und mittlerweile auch ein Großteil unserer Biomüsli-Zutaten aus China. Ohne kleinere und größere Bauelemente aus China würde kein Fernseher mehr »DSDS« zeigen, kein iPhone klingeln, kein Auto auch nur aus der Parklücke kommen. Wer also »wegen Tibet« chinesische Güter boykottieren will, hat sich wirklich was vorgenommen. (Wobei Menschen, die sich über die Auswirkungen ihres Konsum Gedanken machen, eh bereits versuchen dürften, ihr Leben ohne »Sweatshop«-Ware zu bestreiten). Wem die Nöte des Dalai Lamas ein echtes Anliegen sind, für den dürfte es sinn- und wirkungsvoller sein, etwa bei deutschen Sportartikelherstellern, die zum Großteil in China fertigen lassen, mal nachzufragen, wie die es denn mit Chinas Tibet-Politik halten.
Wobei ich, ganz ehrlich gesagt, die Tibet-Begeisterung der Deutschen nie so ganz nachvollziehen konnte. Die Tibeter um den Dalai Lama, dieser charismatischen Mischung aus Papst Benedikt und dem späten Heinz Rühmann, träumen von einem großen, freien Tibet, das weltliche und geistige Macht vereint. Tibet war, bevor die Chinesen kamen, einer der rückständigsten Flecken der Erde. Ein Land, in dem eine Mönchskaste über 90 Prozent der übrigen Bewohner herrschte – Leibeigene, die ihre Ernten abgeben mussten, Analphabeten, religiös Verwirrte, denen eingetrichtert wurde, ihr trauriges Los rühre aus den Sünden ihrer früheren Leben. Vielleicht nicht verwunderlich, dass sich ein SS-Mann und NSDAP-Mitglied wie Heinrich Harrer (»Sieben Jahre in Tibet«) so für dieses Gesellschaftsmodell begeisterten konnte… Gegenüber den Chinesen pflegen viele Tibeter rassistische Ressentiments, die sich bei den Krawallen im März in Plünderungen und Brandanschlägen auf chinesische Geschäfte (inklusive der Besitzer) entluden.
Nur um Missverständnissen vorzubeugen: China ist ein Unterdrückerstaat, die Verfolgung von Regimekritikern wie Hu Jia ist eine Schande und die Tibeter sollen ihre Religion ausüben wie sie lustig sind. Aber mir ist ein China auf dem steinigen, schwierigen Weg zur Demokratie lieber als Tibet auf dem Weg zurück in die Diktatur der Mönche.
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17. April 2008
Wechselfieber
Seit ich einkaufe, beschäftigt mich das Mysterium Wechselgeld. Es gibt nur wenige Geschäfte, in denen Kunden das Wechselgeld mit strahlendem Lächeln in die Hand gedrückt bekommen und mit einem »Vielen Dank« in den Rest des Tages entlassen werden. In der Regel wird man barsch gefragt, ob man es »nicht vielleicht kleiner« hätte – egal wie hoch der Betrag ist. Mit passendendem Gesichtsausdruck, als habe man gerade ein paar Kyat-Scheine aus Myanmar hingelegt. Und dann kramt man höflich im Portemonnaie, ob man auf 4,79 Euro nicht doch noch einen Fünf- statt einen Zehneuroschein findet.
Vor allem in der Bäckerei scheint die Nachfrage nach Kleingeld zur Geschäftsgrundlage zu gehören. Appetitliche Verkäuferinnen, die aussehen wie Sahnebaisers verwandeln sich in Hundertstelsekunden in Roggenschrotbrötchen, wenn man für sechs Croissants, drei Laugenstangen und ein Dinkelbrot mit einem Zwanzig-Euroschein bezahlen will. Oder gerade keine 23 Cent hat, damit das Rausgeben nicht zu kompliziert wird. Wahrscheinlich wohnt in jedem Menschen, den es einmal an eine Kasse verschlagen hat, das Gefühl, jede Form von Wechselgeld würde direkt vom Lohn abgezogen werden. Also hält man den Kasseninhalt möglichst knapp. Wozu die ganzen 1,2 oder 5-Centstücke auftürmen? Sollen die Kunden doch selbst mal in die Brieftasche schauen, bevor sie zahlen! Die notorisch niedrigen Löhne im Einzelhandel befeuern die Verzweifelung der Kassierer noch, wenn sie auf einen Fünfzig-Euroschein 43,95 aus der Kasse klauben müssen als wäre es das eigene Geld.
Seltsamerweise begegnen einem Wechselgeldprobleme niemals bei türkischen Gemüsehändlern. Meiner bekommt seine Kasse kaum zu, weil er Kleingeld im Gegenwert von mehreren tausend Euro darin bereitzuhalten scheint. Wahrscheinlich beruhigt ihn das Funkeln der Silber- und Kupfer-Münzen in den Geldfächern wie der Goldschatz Pipi Langstrumpf. Ihn bringt man nur aus der Fassung, wenn man 2,60 Euro mit einem Fünf-Euroschein und einem 10-Cent-Stück bezahlt. Lässig schiebt er dann das 10-Cent-Stück wieder zurück. »Müsse Sie nicht! Habbe genuk klein.« und gibt selig zwölf 20-Centstücke heraus: »Da habbe Sie lange was davon!«
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23. April 2008
Milchmädchenrechnung
In dem Film-Klassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ gibt es eine unfassbar sexy Szene, die den Ruhm von James Dean mit begründen half. Dean in der Rolle eines vom Leben geplagten, rebellischen Teenagers, kommt in einer stickigen Sommernacht spät nach Hause, geht zum Kühlschrank, holt sich eine Flasche Milch raus und kühlt seine erhitzte Stirn. Wenn ich das probieren würde, kann ich davon ausgehen, dass der Schraubverschluss der Flasche aufgeht, aber das ist ein anderes Thema. Unzweifelhaft ist: Milch gehört zu den schöneren Dingen unseres Lebens – so wie heiße Sommernächte oder hübsche Männer, die nachts an der offenen Kühlschranktür stehen.
Heute (Mittwoch) Abend werden wir in der Tagesschau Bilder von den Menschen sehen, denen wir in Deutschland unsere Milch verdanken. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz wollen tausende Milchbauern gegen die dramatischen Preissenkungen bei Discountern wie Aldi oder Lidl demonstrieren. Dort kostet der Liter Milch jetzt nur noch 61 Cent, zwölf weniger als noch vor zwei Wochen -– und weniger als eine normale Flasche Mineralwasser. Selbst beim konventionellen Milchbauern, der seine Tiere in viel zu engen Ställen mit synthetischen Kraftfutter mästet und die Milchleistungen künstlich hochtreibt, bis die Euter entzünden, landen davon nur 32 Cent. Mehr als 40 Cent bräuchte er, um wenigstens die Kosten für diese wenig artgerechte Form der Unterbringung aufbringen zu können. Die Preise für Futter, Dünger und Energie sind in den vergangenen Monaten dramatisch gestiegen. Das Diktat der großen Discounter an die Molkereien ist eine Form der Erpressung, die kein Kunde unterstützen sollte. Die Discounter machen sich zunutze, dass die EU den Bauern erlaubt hat, zwei Prozent mehr Milch zu melken als im Vorjahr. Das vergrößerte Angebot drückt den Preis, wenn auch die Diskrepanz zwischen zwei Prozent mehr Milch und 18 Prozent weniger Geld nicht durch marktwirtschaftliche Mechanismen zu erklären ist. Der von Lidl, Aldi oder REWE in großen Anzeigenkampagnen thematisierte Preisverfall soll Kunden in die Geschäfte locken. Kunden, die immer stärker an die Bioläden verloren gehen.
Die derzeitigen Auseinandersetzungen, die in einen Milchbauernstreik münden könnten, sind ein guter Anlass darüber nachzudenken, wie die Milch eigentlich produziert wird, die wir in unseren Geschäften kaufen. Immer mehr Menschen sind bereit, monatlich knapp zehn Euro mehr für den Umstieg auf Bio-Milch zu zahlen, weil ihnen wichtig ist, wie die Tiere gehalten werden.
Ein Biomilchbauer braucht momentan etwa 50 Cent für einen Liter, um kosten deckend arbeiten zu können. Der einsetzende Preisdruck könnte indirekt auch ihn treffen. In den vergangenen Jahren sind regionale Initiativen entstanden, an die Milchbauern zusätzlich eine Art Fairtrade-Prämie zu zahlen, die auf den Preis aufgeschlagen wird. Ich möchte, dass die Kühe, von denen meine Milch stammt, das best mögliche Futter bekommen, die Sonne sehen, ihre Kälber bei sich behalten können und keine Medikamente kriegen müssen, weil sie sonst keine 11 000 Liter im Jahr geben würden. Das ist mir auch ein paar Cent mehr wert, als Aldi oder Lidl für ihre Industriemilch nehmen. 2007 wurde 34 Prozent mehr Biomilch verkauft als im Jahr davor. Machen wir 2008 doch 100 Prozent draus.
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25. April 2008
Treppensteigen
Es soll ja Menschen geben, die grundsätzlich nur Treppen steigen, um eventuelle Unfälle auf der Rolltreppe oder gar im Fahrstuhl zu vermeiden. Vor allem in den großen Kaufhäusern gehört man damit heute zu einer Minderheit. Während sich auf der Rolltreppe fleischige Menschen drängen, die »Links gehen, rechts stehen« für kommunistische Propaganda halten und grundsätzlich niemanden vorbeilassen, der schneller ist als eine Schildkröte, haben die Dynamiker die Festreppe für sich. Es gibt aber auch Gebäude, in denen selbst die notorischen Treppensteiger eine Fahrstuhlkabine betreten, weil es bis zum 42. Stock eben doch ein bißchen zu hoch ist. Ein Mann aus New York, dessen Video gerade auf Youtube zu sehen ist, wird mit Sicherheit in Zukunft nicht einmal den Treppengang hoch in den 42. Stock scheuen. Er wollte an einem Freitagabend nur mal kurz zu einer Rauchpause nach draußen. Auf dem Weg zurück nach oben nahm er den Fahrstuhl. Er blieb sagenhafte 41 Stunden lang in der Kabine gefangen und wurde dabei mitleidlos von einer Videokamera beobachtet.
Ehrlich gesagt, war ich beeindruckt, wie gelassen der Mann sein Schicksal hinnahm und dabei nicht einmal die Schuhe auszog. Daher zeige ich diesen Film nicht aus sadistischen Gründen, sondern als Dokument menschlicher Beharrungskraft, von der wir alle nicht genug haben können. Vor allem auf der Rolltreppe im Kaufhaus.
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25. April 2008
Die Manufactum-Koalition
Die kühle Geschäftsmäßigkeit, mit der gestern die Hamburger Grünen ihre Koalition mit der CDU beschlossen haben, kann nur den überraschen, der seit zehn Jahren keinen leibhaftigen Grünen mehr gesehen hat. Längst tragen Grünen-Politiker die besten Anzüge. Grünen-Politikerinnen treffen beim Modekauf die Gattinen erfolgreicher Christdemokraten. Man sieht inzwischen ganz manierlich aus.
Nach vier Stunden Diskussion wurde das schwarzgrüne Bürger-Bündnis abgesegnet – vier Stunden, das brauchten die Grünen früher allein für die Verabschiedung der Tagesordnung. An diesem wunderbaren Hamburger Sonnensonntag störten sich auf der Mitgliederversammlung nur noch ein paar Zeitvergessene daran, dass man sich gerade für die ökologisch verheerende Elbvertiefung entschieden hatte. Die Ankündigung der Spitzengrünen, sie würden den Bau des Kohlekraftwerkes Moorburg verhindern, ist so rührend naiv wie der SPD-Beschluss gegen die Privatisierung der Bahn auf ihrem Parteitag vor einigen Monaten. Demnächst wird eine zerknirschte Grünen-Politikerin vor die Presse treten und – leiderleider – einräumen, dass Hamburg sich einen Prozess gegen den Moorburg-Betreiber Vattenfall jetzt doch nicht leisten kann. Dafür werden dann in »Problemvierteln« für den Klimaschutz ein paar neue Bäume gepflanzt.
Das Zeit-Magazin hat diese Koalition schon mal auf ihre möglichen Wurzeln in unserer Alltagskultur hin untersucht und fand erstaunliche Gleichungen. Schwarzgrün gibt es schon längst:
- »CocaCola + Rotkäpchensaft = Bionade
- Zigarre + Joint = »American Spirit«-Zigaretten
- Schäferhund + Friedenstaube = Knut
- Quelle-Katalog + Ökotest = Manufactum.«
Manufactum, ein schönes Stichwort – in einem hübschen Artikel hat die taz das Zusammenwachsen zweier Milieus, die soziokulturell seit langem zusammengehören, in Analogie zum Erfolg des Handelshauses Manufactum gesetzt. »Das Sortiment«, schreibt taz-Autor Wolfgang Ulrich, «demonstriert mustergültig die Schnittmenge von Schwarz und Grün. Unter dem Motto „Es gibt sie noch die guten Dinge“ wird ein sentimentaler Ton angeschlagen und zugleich Widerstand gegen den drohenden Untergang signalisiert.« Mit dem Kauf einer unkaputtbaren Salatschleuder aus Edelstahl (159 Euro) stemmt sich der Manufactum-Kunde gegen die Vergänglichkeit der modernen Konsumkultur. Die Kinder lernen bei der Original-Version von »Mensch ärgere Dich nicht« aus dem Jahr 1914 (18,50 Euro) schon mal die Mühen der Realpolitik. Abends sitzt man im Schein der »Ampelleuchte Alabaster« (435 Euro) zusammen und trinkt dazu ein Gläschen »Mariawalder original Kloster-Likör« (23 Euro). Der Likör wird mit den Worten »Vor hundert Jahren war die Welt noch in Ordnung« annonciert.
Vor hundert Jahren galt im deutschen Kaiserreich noch das Dreiklassenwahlrecht. Die Macht des Einzelnen war direkt abhängig von der Höhe der von ihm entrichteten Steuern. So etwas wie heute, wo einem die neue Unterschicht regelmäßig wütend kommentierte und politisch ignorierte rotrotgrüne Mehrheiten beschert, hätte es damals nicht gegeben.
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29. April 2008
Slim Fit
Ich bin nicht wirklich dick. Ich habe einfach nur sehr breite Schultern, das sieht bei meiner Größe nun mal etwas kompakter aus. Und natürlich massige Oberschenkel, schließlich war ich mal Fußballer und Leichtathlet. Ich glaube, Helmut Schmidt war damals noch Kanzler. Dass die Trikots von früher nicht mehr passen, liegt an ihrer schauderhaften Qualität. Die laufen ganz schön ein, auch nach Jahren noch. Manchmal fragen mich Dreijährige im Kindergarten meiner Tochter, ob ich schwanger bin. Ich denke, das ist die ungünstige Perspektive.
Aber auch Männer wie ich brauchen mal einen neuen Anzug. Einen zeitlos schönen, gut sitzenden schwarzen, den man bei Beerdigungen tragen kann, ohne dass einen die Trauergäste für den Grabredner halten. Mit dem man bei Podiumsdiskussionen als seriös und auf Partys als elegant durchgeht. Überhaupt komme ich als Mittvierziger in ein Alter, in dem man in einem Anzug ganz gut aufgehoben wäre. In Jeans fühle ich mich wie einer, der mindestens neun Geburtstage verleugnen will. Jogginghosen wird zwar seit Jahren der modische Durchbruch prophezeit, aber sehe ich die Blicke meiner Frau, wenn ich mal welche trage, bin ich nicht mehr so sicher. Also Anzug.
Aber da beginnt das Öko-Dilemma: Jogginghosen und Jeans wären in Bio-Qualität zu kriegen, sogar in meiner Größe, von Howies, Kuyichi und wie sie alle heißen. Leider wirke ich darin wie ein Fünfzigjähriger, der aussieht wie ein Vierzigjähriger, der sich als Dreißigjähriger verkleidet. Wenn es um ökologisch bewusste Männermode für mein Alter geht, bleiben einem nur die Stilrichtungen »Streetwear-Clown« oder »Erdkundelehrer auf Freigang«.
Also, einmal Öko-Schwein sein und auf in den »konventionellen« Handel. Auf zu H&M. Meinen letzten Anzug habe ich mir dort gekauft als Lothar Matthäus noch so jung war wie heute seine Freundinnen. Im Dunkeln trage ich ihn heute noch. 100 Prozent Schurwolle, genäht in der Türkei. Sonderangebot. Das Jackett franst etwas am linken Ärmel. Im Kniebereich schimmert es milchweiß durch. Während mein Blick wohlwollend die »Organic Cotton Collection« streift (nicht wirklich wohlwollend, die Männersachen sind eher etwas für farbblinde Nachwuchs-Hippies), spaziere ich auf die Anzüge zu. Schwarz, grau, nachtblau, durchfallbraun, Nadelstreifen. Auf dem Bügel sehen die Teile noch ganz gut aus. Als ich ein Sakko in einer Größe überziehe, die früher mal meine war, denke ich sofort an einen Nähfehler. Kennt man ja. Billigproduktion, ausgebeutete Textilarbeiterinnen, die schnell mal aus Protest einen Anzug vernähen. Solidarische Grüsse! Das nächste Sakko sitzt irgendwie auch nicht richtig. Das übernächste erst recht nicht. Bisschen viel Protest. Mittlerweile bin ich bei einer Größe angelangt, für die ich eindeutig zu klein bin. Ich gehe mal lieber in die Umkleidekabine.
Als ich dort den nächsten Anzug anprobiere, schaut mir ein klapperdürrer Langhaariger zu. »Slim fit«, nuschelt er unter seinem Frühchen-Bart. »Jacke lieber auflassen.« Sein Stretch-Hemd schlabbert. Arschloch. Am Eingang zu den Umkleidekabinen sortiert eine massige Blondine die Kleidungsstücke, die zurückgehängt werden müssen. Nach der dritten Hose muss sie sich ausruhen. Die wird mich verstehen. »Haben Sie auch andere Anzug-Schnitte?«, frage ich fachkundig. Die Blondine mustert mich als hätte sie so etwas seit den letzten Gewichtheber-Weltmeisterschaften nicht mehr gesehen. »Die sind alle etwas körperbetont«, erklärt sie und wendet sich wieder ihren Bügeln zu. Ich lasse ihr sechs ungünstig geschnittene Anzüge da und steuere auf einen weißen Leinenanzug zu. Gut, ich wäre wahrscheinlich der erste, bei dem ein weißer Anzug dunkler wirkt als die Haut, aber immerhin schreit mich nicht schon von weitem ein »slim fit«-Schild an.
»Slim fit. Schlimm fett«, denke ich, als ich mir in der Umkleidekabine die Leinenhose über die Beine ziehe. R. Kelly hat so eine mal in einem Musikvideo getragen. Da flatterten die Hosenbeine im Wind. Bei mir sitzen sie wie festgefroren. Die Jacke probiere ich gar nicht erst an. Beim Rausgehen lächelt mir das blonde Walross zu. »Gar nicht so einfach!«, grunzt sie aufmunternd. Ich drücke das Kreuz durch. »Muss mal ein paar Muskeln abtrainieren. Kann ja nicht immer nur in Sportsachen rumlaufen.« Morgen versuche ich es mal bei Zara.
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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…

Sind das hier die Essays von Fred Grimm? Toll!!