Fred kauft ein: Dezember 2007

1. Dezember 2007
“Danke”
Wer behauptet, es gebe keine Tabus mehr, hat noch nie Menschen dabei beobachtet, wie sie Toilettenpapier kaufen. Die erwünschte Heimlichkeit des Vorgangs steht in umgekehrter Entsprechung zur Aufmerksamkeit, die er erregt. Eine Großpackung mit acht Rollen lässt sich am Kassen-Laufband nun mal nicht unter der neuen Ausgabe von „IVY“ verstecken. Leider passt die Packung auch ganz schlecht in die Tüte, weshalb man im Supermarkt immer wieder errötende Menschen mit ihrer Wochenration Hakle, Charmin oder Kokett unterm Arm zum Ausgang hasten sieht.Typisch auch, dass fast immer Blümchenmuster, Sonnenaufgänge, Bärchen oder wogende Kornfelder auf der Packung das eher unappetitliche Schicksal verschleiern, dem das Papier nun einmal ausgesetzt ist. Alles nachvollziehbar. Doch jedes Mal, wenn ich mich in der Drogerie meines Vertrauens mit einer Familienpackung eindecke (100 % Recycling natürlich), bleibe ich nachdenklich vor einem ganz bestimmten Stapel stehen: Vor dem, auf dessen Packungen „Danke“ steht.
Danke. Die Ökobilanz dieses Produktes ist absolut einwandfrei und auf www.danke.de eindrucksvoll nachzulesen. Einen Kilometer Toilettenpapier rollt der Durchschnittsdeutsche jährlich ab – eine üble Durchfallerkrankung mit eingeschlossen. Für den entsprechenden Jahresverbrauch von 15 Kilogramm Papier müssten über 30 Kilogramm Holz gefällt werden, da ist es schon gut, wenn man stattdessen als Grundlage ausgelesene Zeitungen nimmt. Zudem verwendet die Firma „Danke“ weder Farbzusätze noch Bleichmittel, aber, noch einmal, – „Danke“? Ich kaufte mir eine Packung. Acht Rollen, drei Lagen. Fünf Lagen ist etwas für FC Bayern-Fans, einlagig überlasse ich Jürgen Trittin. Durch die Verpackung konnte man die Rollen drinnen kaum sehen. Stattdessen klebte da ein Energiespar-Booklet drauf, das einen mahnte, beim Kochen den Deckel drauf zu lassen.
Ich riss die Packung auf und starrte die Rollen an. Die Rollen starrten zurück. Auf jedes einzelne Blatt war ein Wort eingestanzt. Es schien mir, als flüsterte ein verzagtes Stimmlein in voraus eilendem Gehorsam zu mir. „Danke“ stand da. Direkt auf dem Papier. Danke wofür? Ist das, was man mit Klopapier macht, wirklich etwas, wofür das Blatt sich auch noch bedanken sollte, so löblich Höflichkeit in Extremsituationen auch sein mag? Werden wir Umwelt bewussten Käufer von solchen Hygieneprodukten nicht in einen Akt äußerster Barbarei hineingezwungen, weil uns diese Form der Dankbarkeit buchstäblich am Arsch vorbeigehen muss? Wird dem Papier im digitalen Zeitalter denn gar keine Selbstachtung mehr zugestanden? Hat so ein einzelnes Blatt nicht auch – Gefühle? An Sinne mag ich gar nicht denken.
Ich bin kein besonders gläubiger Mensch. Aber falls an der Sache mit der Reinkarnation doch etwas dran sein sollte, fürchte ich seit heute als Klopapier wiedergeboren zu werden, auf dem „Danke“ steht.
Grad fällt mein Blick noch einmal auf die Packung. Es ist alles noch viel schlimmer: „Danke“, steht da. „Ihr kleiner Beitrag“
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5. Dezember 2007
Paare beim Einkauf, Folge 2
Es gibt Menschen, die man lieber allein einkaufen lässt, selbst wenn man sie geheiratet hat. Hier Teil 2 der kleinen Einkaufstypologie aus der Wunderwelt des deutschen Einzelhandels.
Der Zwangsgourmet
Vor drei Jahren noch lief er mit Currysaucenflecken auf dem „FC Bayern“-Shirt rum. Nach einer Überraschungsaffäre mit einem französischen Aupair entdeckte er die Welt des Genusses für sich, die er seither mit heiligem Ernst beackert. Er weiß aus welchen italienischen Dörfern der wahre Büffelmozarella stammt, lässt in Restaurants grundsätzlich jeden Wein zurückgehen und hat seit seinem Eintritt bei „Slow Food“ 8 Kilo zugenommen. Der Zwangsgourmet verachtet die profane Welt der Supermärkte und streift deshalb schlecht gelaunt zwischen den Regalen umher. Was alle haben können, ist nichts für ihn. „Die führen hier ja noch nicht einmal Murnau-Werdenfelser Rind!“
Der Schlaumeier
Bio ist besser? Alles Schwachsinn. Er hat noch nie Bio gegessen und fühlt sich mit 37 fit wie ein 13jähriger. Obwohl er aussieht wie 46. Für Biomilch 20 Cent mehr ausgeben, nur weil es den Biomilchkühen besser geht? In Afrika verhungern Kinder und wir kümmern uns um so was! Pestizidfreie Äpfel? An normalen Äpfeln stirbt auch keiner. Fairtrade? Alles Schmu. Hat er mal im Spiegel gelesen. Jeder, der sich Gedanken über Ernährung macht, gilt dem Schlaumeier als Opfer einer gigantischen Manipulationsmaschinerie. Klassischer Satz: „Ist doch eh überall dasselbe drin!“
Der Papi
Papi kennt jeden Schadstoff mit Vornamen. Nitrofuran, Acrylamid, MPA-Hormone, Oxalsäure, DDT – allerorten lauern tückische Gifte, die seinen blonden Zwillingsmädchen gefährlich werden könnten. Wenn Papi nicht aufpasst. Was früheren Schwulengenerationen die Songs von Abba sind ihm die Lebensmittelskandale. Deshalb studiert Papi jeden Packungsaufdruck wie der Rabbi die Thora. Eigentlich kauft Papi nur noch Getreide zum Selberschroten. Man kann ja keinem mehr trauen. Seine beiden stillen Mädchen sehen sehr, sehr blass aus. Müssen mal wieder zum Homöopathen.
Die Vergessliche
Nein, sie braucht keinen Zettel. Heute Abend kommen sechs Freunde. Die Vergessliche plant ein unvergessliches Menü mit drei Gängen. Das Rezept ist so umfangreich wie eine Dissertation, aber nein, sie kann sich alles merken. Komisch, dass die Tüte so leicht ist. Ach je! Überbackene Hühnerflügel ohne Hühnerflügel? Und Kartoffelgratin ohne Käse? Da hat sie doch glatt was vergessen, kann ja mal vorkommen. Wir MÜSSEN ja auch nicht immer was essen, erklärt sie ihren hungrigen Gästen. Schade, Wein ist auch nicht da. Wenn sie nicht gerade beim Einkaufen etwas vergisst, arbeitet die Vergessliche hart. Als Kellnerin.
Die Missionarin
Vergangene Woche musste alles probiotisch sein. Davor war Dinkel dran – Brot, Kekse, Nudeln, schade, dass es nicht auch Dinkeltofu gibt. Mondwasser trinkt sie seit zwei Jahren. Es tut ihr soooo gut. Die Missionarin ist meistens Single. Ihre letzte Beziehung hatte aus Versehen sechs Flaschen „Mundwasser“ vom Einkaufen mitgebracht. Da macht sie es doch lieber selbst. Und singt allen ihr jüngstes Ernährungsmantra, während sie an der Kasse das glutenfreie Knäckebrot aufs Laufband legt. „Müssen sie unbedingt mal probieren!“
Die Mutti
Am Käsestand braucht Mutti eine Viertelstunde. Ist ja auch zu süß, was der kleine Leonard da gerade mit den Tomatendosen anstellt, während Mutti an der Reihe ist. Auch dass die kleine Klara gern mal in die Auslage greift, erfüllt sie mit heiligen Stolz. „Kleine Forscherin. Was wollte ich noch gleich?“ Ja, was wollte Mutti noch gleich? Gouda? Oder doch lieber den Comte? Wie war das noch mit der Muttermilch, viel Käse oder lieber wenig? Mutti denkt gern laut. Fängt damit natürlich erst an, wenn sie dran ist. Nachdem sie sich endlich für eine Sorte entschieden hat, merkt Mutti, dass alle anderen warten. „Wollen sie vor?“ Geht natürlich nicht, alles schon im Kassencomputer. Also macht Mutti weiter. „Leonard, vorsicht!!!!“ (Lautes Scheppern) „Könnten sie noch einen Moment…?“
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07. Dezember 2007
Gammelfleisch
Das letzte Mal, das ich beim Wort „Gammelfleischskandal“ aufgemerkt habe, war als vor einigen Monaten ein Radiosprecher eine etwas unglückliche Zusammenstellung des Nachrichtengeschehens ablieferte: „Und hier die Meldungen in Kürze: Möglicherweise neuer Gammelfleischskandal in Bayern. Studie nennt Situation in deutschen Altersheimen Besorgnis erregend.“ Jetzt geht die Fleischindustrie endgültig zu weit, zuckte es mir durch den Kopf.
Nicht dass die traurige Wirklichkeit nicht mindestens so unappetitlich wäre. Seit Jahren scheint es zu den üblichen Praktiken zu gehören, Uraltfleisch einfach mit neuem Verfallsdatum zu versehen, ein wenig zu bestrahlen und dann zurück in die Kühlregale oder auf die Dönerspieße zu schicken. Dabei geht es nicht um ein paar harmlose Gammelhühner sondern um dutzende Tonnen, um eine mafiös organisierte Praktik mit sagenhaften Renditen für die deutsche Fleischindustrie.
Die Chancen dafür bestraft zu werden, sind im Fleischmafiaparadies Deutschland offensichtlich so gut wie die Aussicht auf Badewetter im Dezember. Die simpelsten Regelungen, die helfen könnten, die Verbrechen einzudämmen, werden vor allem von CSU-und CDU-Politikern seit Jahren verbissen torpediert.
Man könnte gesamte Betriebe für ihr Fleisch verantwortlich machen und zur Rechenschaft ziehen statt nur Einzelpersonen, denen die konkrete Beteiligung an den Verbrechen nachgewiesen werden muss. Wenn der Staatsanwalt also keinen findet, der bezeugt, den Chef gesehen zu haben, wie der die Etiketten umgeklebt hat, gibt es auch keine Strafen. Findet “Verbraucherschutz”minister Horst Seehofer nicht so gut. Und wenn es darum geht, dass alle Betriebe, die Gammelfleisch in Umlauf bringen, öffentlich genannt werden, entdeckt der Minister sogar sein Herz für den Datenschutz. Dabei wäre so etwas wie der Gammelfleischpranger im Internet für den Verbraucher eine gute Gelegenheit, mit dem Portemonnaie über die Verbrechen der Fleischindustrie abzustimmen. Über solche Maßnahmen wird seit Jahren folgenlos gestritten. Solange die notwenigen Gesetze fehlen, würde ich das beschlagnahmte Gammelfeisch einige Wochen lang in der Bundestagskantine servieren. Wer hat einen Menüvorschlag?
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13. Dezember 2007
One-Touch-Shopping
Vor ein paar Tagen habe ich darüber geschrieben, dass Paare besser nicht zusammen Einkaufen gehen sollten, damit die Liebe hält. Von einer kundigen Leserin wurde ich jetzt auf eine weitere Besonderheit des Einkaufsverhaltens aufmerksam gemacht. Nach ihren Beobachtungen orientieren sich allein stehende Männer im Supermarkt in Taktik, Raumaufteilung und Abschluss am Fußballsport. Seither sehe ich Männer am Einkaufswagen mit anderen Augen. Nach mehrtägiger Feldforschung muss ich sagen: die Leserin hat recht
Im Sparmarkt, drei Straßen von mir, erlebte ich das Modell „Kontrollierte Defensive“ oder auch „Die Null muss stehen“. Ein muffeliger Endvierziger schob durch die Reihen mit dem offenkundigen Vorsatz, seinen Wagen leer an der Kasse vorbei zu steuern. Man fragte sich bei ihm, warum er eigentlich überhaupt einkaufen gegangen war – so wie man sich vergangenes Wochenende beim Auftritt von Energie Cottbus in Hamburg fragte, warum die überhaupt auf dem Platz standen. Die Lausitzer bewachten das ihr Tor ähnlich verbissen wie der muslimische Vater die Unschuld seiner Tochter und wagten sich nur zur Halbzeitpause aus dem eigenen Strafraum.
Schön auch das Modell „Zauberfußball“ á la SC Freiburg. Ein vollbärtiger Feingeist paradierte durch die Regalreihen wie ein offensiver Mittelfeldspieler durch den ersten Abwehrriegel, nahm hier was und da was, verglich Packungen, Preise, schob vor, schob zurück – und am Ende war nur eine Flasche Rotwein im Wagen. An der Kasse merkte er dann, dass er noch was vergessen hatte. So steigt man ab.
Mein absoluter Liebling war ein durchtrainierter Mitdreissiger, der einkaufte wie der FC Barcelona Fußball spielt. Griffe ins Regal wie verdeckte Pässe, ein Griff pro Produkt, kein langes Rumgesuche, sondern konzentriertes Abarbeiten der Einkaufsliste im Kopf. Verwirrende Sonderangebote werden abgewehrt – die weit vorgeschobene Viererkette steht. Und natürlich ist der Wochenendeinkauf in fünf Minuten durch. „One-Touch-Shopping“ nennt man das. Wie kaufen eigentlich FC-Bayern-Fans?
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14. Dezember 2007
Weihnachten
Natürlich ist Weihnachten die Hölle. Vor allem die Tage davor. In den Geschäften riecht es nach schlechter Laune, Kaufzwang und überzogenen Konten. Die Aussicht auf das nahe Elend familiärer Zwangsgemeinschaft, auf fünf Kilo mehr in drei Tagen, auf Geschenke, die man nicht wollte, diese verzweifelte Mischung aus Eile und Melancholie in einem… Ich breche mal kurz ab.
Natürlich fallen einem tausend Gründe ein Weihnachten zu hassen. Weihnachten ist zur Parodie seiner selbst verkommen. Jede Regung von Herzenswärme und Vorfreude findet sein durchkommerzialisiertes Pendant. Ein Hauch von Kunstschnee liegt über diesen Tagen. Doch diesmal bin ich wild entschlossen das Fest zu lieben.
Wir sollten uns zurückholen, was uns gehört. Keine Notkaufgeschenke mehr. Kein Überbietungskochen, bei dem die Mütter stundenlang in der Küche verschwinden und zu erschöpft sind, um selbst zu essen. Kein Süßigkeiten-Overkill, bei dem man im April die letzten versteinerten Marzipankartoffeln weg wirft. Keine überflüssigen Grußkarten mit Einheitstext. Stattdessen: Zeit. Nähe. Man könnte an Heiligabend zusammen kochen, muss ja nicht immer so aussehen wie auf den Rezeptseiten der Brigitte. Man könnte den Menschen, die man mag, sagen, dass man sie mag und auch warum. Man könnte nachts zusammen spazieren gehen, egal wie das Wetter ist. Man könnte jemanden aus dem Haus einladen, der allein ist an diesem Tag. Wollte man eigentlich doch längst mal gemacht haben, oder? Man könnte ganz einfach mal viel weniger tun in diesen Tagen. Und damit am Ende viel, viel mehr.
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18. Dezember 2007
Eigentlich fast alles
Man soll ja nicht lauschen. Aber manchmal kann ich einfach nicht anders. Vor allem, wenn die Belauschten direkt vor einem in der Schlange stehen. Wie gerade eben im Supermarkt: Zwei Frauen, Anfang dreißig, teure Mäntel, gepflegte Hände, begrüßen sich mit Luftküssen und dezentem Jubel.
„Na, auch noch die letzten Einkäufe?“
„Ich stell’ mich Heiligabend nicht noch an! Wir haben ja einen großen Eisschrank.“
„Klappt das denn mit Sylvester?“
„Du, Jens muß zwar noch mal in die Firma, aber sonst alles klar. Ich ruf’ dich an!“
„Was soll ich denn kochen? Ich habe da ein schönes Rezept…“
„Du, eigentlich essen wir fast alles.“
„Fast?“
„Na, du weißt ja. Jens mit seiner Nuss-Allergie. Also, es muss nicht unbedingt was mit Walnüssen sein.“
„Weiß ich doch. Wir hatten eigentlich an Fisch…“
„Fisch? Weißt Du, der Sebastian hatte grad im Kindergarten Fisch und hat sich fürchterlich an einer Gräte verschluckt. Du weißt ja, der macht dann den ganzen Abend kaputt.“
„Ich könnte auch ganz spießig… einen Braten…“
„Fleisch???“
„O, Verzeihung. Du bist ja Vegetarierin. Aber Jens isst doch ganz gern mal…“
„Jens isst jetzt auch kein Fleisch mehr. Das tut ihm so gut, sagt er. Vielleicht solltest Du das mit Axel auch mal diskutieren. Es gibt ja auch wunderbare Sachen aus Tofu. Du, ich glaub, ich bin gleich dran. Mach halt irgendwas, wird nett.“
„Ja, mir fällt bestimmt was ein.“
„Für unsere Anna natürlich nur glutenfrei, denkst Du dran? Aber sonst: Wir sind die einfachsten Gäste der Welt. Wir essen eigentlich fast alles.“
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20. Dezember 2007
Zum Wein
Trinken Sie gern Wein? Deutschen Wein? Muss ja nicht immer so furchtbar trocken sein. So eine sanfte Nachsüße…
In seiner Freizeit kümmert sich der CSU-Politiker Horst Seehofer eifrig um nachwachsende Rohstoffe für unsere deutsche Kulturnation, qua Amtes um den Verbraucherschutz. Nicht, was Sie jetzt denken – Verbraucherschutz im Sinne Seehofers ist nicht etwa der Schutz des Verbrauchers vor Gift in Lebensmitteln, Gammelfleisch der minderwertiger Ware. Horst Seehofer möchte uns vor Informationen schützen, die unsere zarten Seelen belasten könnten.
Gerade hat unser Landwirtschaftsminister in einer mehrtägigen EU-Sitzung wieder einmal mannhaft für uns gekämpft. Gegen den Widerstand beinahe aller übrigen europäischen Landwirtschaftsminister dürfen deutsche Winzer auch in Zukunft ihren Wein mit Zucker panschen, falls der Sommer hierzulande mal nicht so war wie in Italien. Also praktisch immer. Da Horst Seehofer allzeit das Wohl der Verbraucher im Sinn hat, setzte er außerdem durch, dass wir auch in Zukunft von entsprechenden Hinweisen verschont bleiben. Wenn ein Winzer seinen Wein mit Industriesüße „veredelt“, muss er das nicht einmal aufs Etikett schreiben. Das wäre, so der Minister, „eine Diskriminierung“ für den deutschen Weinbauern.
Mir ist eigentlich ziemlich egal, was die Winzer in ihre Fässer füllen. Meinetwegen können sie auch hineinpinkeln oder Barthaare von Kurt Beck einstreuen – einige deutsche Weine schmecken ja auch so als würden sie genau dies tun… Hauptsache es steht drauf, was drin ist. Doch unser Verbraucherschutzminister nimmt uns das Recht, uns wirklich entscheiden zu dürfen, welche Art Wein wir trinken wollen. Ach ja: Die Weinbauern produzieren seit Jahren viel zu viel Wein, den keiner trinken mag. Dieser sinnlose Überschuss wird auch in Zukunft mit jährlich 500 Millionen Euro subventioniert. Von Ihnen und von mir. Die Macht des Konsumenten ist in der Theorie eine schöne Sache. Sie stößt da an ihre Grenzen, wo die wirkliche Macht sich regt.
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31. Dezember 2007
Das Tunnelblick-Syndrom
Zum Jahresende stapeln sich bei mir die Zeitschrift, Bücher und Zeitungsartikel. Recherche für die Neufassung meines Buches. Es sieht hier aus wie in einer Sortiermaschine für Altpapier. Wenn ich die Stapel so sehe, könnte man annehmen, der Trend zum ethisch-ökologischen Konsum wäre neben Knut und Paris Hiltons Knastaufenthalt das beherrschende Thema des Jahres gewesen. Typisches Tunnelblick-Syndrom. In der Fußgängerzone ereilt mich jedes Mal der Realitätsschock. Wenn ich durch die Kaufhäuser gehe, ist von Ecostyle noch immer wenig zu sehen. Kleidung aus ökologisch verträglichen Materialien ist so selten wie gute Neujahrsansprachen. Im Elektronikkaufhaus erfahre ich immer noch wenig über Energieeffizienz. Über die Ökobilanz bei der Herstellung von Computern, Kühlschränken oder Flachbildschirmen schon gar nichts. Im Supermarkt freue ich mich über die Bioecken, aber sie sind klein. Der Marktanteil entsprechender Lebensmittel liegt bei fünf Prozent, der von Naturkosmetik bei sechs. Der für Ökomode, die auch noch gut aussieht, ist nicht messbar.
Gestern las ich im britischen Observer einen Artikel zum Klimawandel im Klimawandel. Mittlerweile seien zwar beinahe alle Briten davon überzeugt, dass die Erde akut bedroht ist. Aber immer weniger hätten Lust, ihren Lebensstil zu ändern. Auf billige Flüge verzichten? Weniger Autofahren? Bei zwei Grad kühlerer Raumtemperatur schlafen? Klima bewusst einkaufen? Wo doch die eigene Regierung Jahr für Jahr ihre eigenen Klimaschutzziele weit verfehlt. Ich fürchte, dass es in Deutschland bald ähnlich sein könnte. Ein zynischer Bio-Backlash in den Medien ist bereits in vollem Gange. Die ersten reagieren gelangweilt auf die schöne neue Welt des Ecostyle, weil sie auf den nächsten Trend warten. An den großen Ursachen unserer Probleme – etwa der komplett idiotischen Übersubventionierung unserer industrialisierten Landwirtschaft – ändert sich nichts. Der eigene Umweltminister kämpft mannhaft für neue Kohlekraftwerke oder für die Interessen der Spritschlucker und dürfte sich damit nach seiner Abwahl 2009 einen Platz in irgendeinem Autofirmen-Aufsichtsrat gesichert haben.
Wir sollten uns nicht mehr mit ein paar hübschen Produkten oder freundlichen Biosupermärkten zufrieden geben. Von wahrer Transparenz beim Einkauf sind wir weit entfernt. Von einem echten Wandel bei der Herstellung von Kleidung, Kosmetik, Autos oder Lebensmitteln ebenso. „Es geht um mehr als Energiesparlampen“, hat Leonardo DiCaprio unlängst gesagt. „Es geht um die DNA unseres Wirtschaftssystems.“ Die Ideen hinter dem ethisch-ökologischen Konsum sind größer als die Nischen, die man uns zugestehen will. 2008 sollten wir klar machen, dass wir alles wollen und nicht nur ein paar Fairtrade-Sneakers.
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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…
