Fred kauft ein: Februar 2008

04. Februar 2008
Warteschlangenblues
Ich muss schon wieder ein Geständnis machen. Ich kann schlecht warten. Schlangestehen gehört nicht zu den Dingen, die ich mit demselben fröhlichen Gleichmut ertrage wie Roland Koch eine Wahlniederlage. Nicht, dass ich beim Einkaufen generell ungeduldig wäre. Wenn kleine Kinder beim Bäcker vor mir zerknüllte Einkaufszettel aus feuchten Hosentaschen ziehen und vorlesen, habe ich stundenlang Zeit. Vor allem, wenn Mutti alles ganz ordentlich aufgeschrieben hat. »Zwei Baaa..guu..ette, drei Mehlkonmännchen, sechs Kreusands…« Sehr nett. Vor allem die Mehrkornbrötchen. Aber leider stehen nicht immer süße Kinder mit verschwitzen Händchen vor mir. Heute Morgen schienen sich wieder einmal alle Nervknödel aus der Umgebung in der Drogerie meines Vertrauens verabredet zu haben. Der Germanistikstudent (»Zehn Uhr, scheiße ist das früh!«), der erst dann sein Portemonnaie sucht, wenn er alles eingepackt hat. Was für eine Überraschung, dass er hier bezahlen muss! Steht zwar schon seit zehn Minuten vor mir in der Schlange, aber damit, dass er gleich sein Geld braucht, konnte er echt nicht rechnen.
Gleich hinter ihm (und immer noch ein Platz vor mir) der Klassiker: Nach exakt vierzehn Teilen auf dem Laufband, fällt ihr ein, dass sie noch »Hibiskustee« braucht. Die arme Auszubildende an der Kasse kaut auf ihrem rostigen Lippenpiercing herum. Wenn die Kasse erst mal »auf« ist, kann man keine neue Eingabe für den nächsten Kunden machen. Und wo war noch mal der Hibiskustee? Gefühlte zwei Legislaturperioden später kommt Frau Hibiskus strahlend zurück. Natürlich hat sie die einzige Packung erwischt, auf der kein Barcode klebt. »Klaus???« Klaus kommt herbei geschlurft. Klaus muss eine neue Packung holen. Klaus sucht erst mal in der Damenhygiene. »Tut mir leid«, lügt Frau Hibiskus. »Heute ist nicht mein Tag.« Ich starre auf einen tückischen grünen Fleck auf ihrem Mantelkragen, der aussieht wie getrocknetes… da geht neben uns die Kasse auf. In zivilisierten Ländern würden sich jetzt diejenigen, die zur anderen Kasse wechseln, einfach in der Reihenfolge aufstellen, in der sie vorher standen. Stattdessen rammen fleischige Rentnerinnen mit ihrem Einkaufswagen schüchterne Asiatinnen beiseite. Minipli-Mittvierziger schieben sich mit letzter Kraft vor Zwillingsmütter und der ältere Herr ganz hinten, der eben noch Stücke hustete, verwandelt sich sekundenschnell in David Odonkor und geht rechts vorbei.
Ich warte natürlich. Frau Hibikus ist ja so gut wie fertig. »32,33 Euro«, flüstert die Kassiererin erschöpft. »Juchhu! Eine Schnapszahl!«, jubelt Frau Hibuskus und lässt vor Freude die Brieftasche auf den Boden fallen. Beim Versuch, sie aufzuheben, stößt sie sie aus Versehen mit dem Fuß unters Kassenhaus. »ZWEIunddreißig, dreiunddreißig«, entfährt es der Auszubildenden. »Nicht 33.« Ich krieche unters Kassenhäuschen, löse die Brieftasche vom klebrigen Fußboden und reiche sie Frau Hibiskus hoch. Die schaut mich an, als hätte ich 200 Euro rausgenommen und zählt erst mal. Wohl noch alles da. Aber nicht genug. »Ich kann doch hier mit Karte zahlen?« »Nur EC.« »Ach, da fällt mir die Nummer immer nicht ein«, schnauft Frau Hibiskus und reicht der Kassiererin trotzdem das kleine Plastikteil. »Vielleicht eine Schnapszahl?«, werfe ich ein. Niemand lacht. In Frau Hibskus arbeitet es. »Ich weiß noch, es war ganz einfach…« Nach drei Minuten kommt sie drauf: 3456. Frau Hibiskus nimmt ihre Einkaufstüten vom Laufband. Endlich darf ich ablegen. Drei Packungen Milch und eine Tüte Trockenmango. »Sie haben aber heute nicht viel«, sagt die Kassiererin und grinst. In der Schlange neben mir hustet David Odonkor. Ich habe das Gefühl, etwas landet auf meinem Schuh. Hoffentlich habe ich mein Portemonnaie dabei.
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08. Februar 2008
Butterfahrt nach New York
Früher reichte es gerade mal für Mango, Zara oder pimkie. Heute überlegen manche, ob sie ihren nächsten Großeinkauf nicht lieber in New York absolvieren. Der Dollar hängt durch: Designer-Jeans so billig wie Flugananas, Calvin-Klein-Unterwäsche zum Preis einer Zahnbürste, Nike-Sneakers so günstig wie Badelatschen bei Schlecker. Was früher die Butterfahrten waren, auf denen Binnenländler sich mit Seekrankheiten und zollfreien Zigaretten eindeckten, ist heute der Schnäppchenflug in die amerikanische Shopping-Metropole. Vier Tage, drei Übernachtungen im »Mittelklasse-Hotel«, Stadtrundfahrt »optional«. Aber so viel Zeit haben wir nun auch nicht.
Im Einkaufsparadies wird gnadenlos zugeschlagen. Pfirsichgrünbraunfarbene HipHop-Hemden von PellePelle, die selbst Knut zu weit sein dürften, schlabbern um hagere Jurastudentenoberkörper? »New York, Baby!« »Designer«-Kleidchen aus Lametta, die weniger wiegen als ein Marsriegel und mehr zeigen als man im Hellen sehen möchte? »In New York geshoppt!« Ökojeans von Loomstate, die selbst Keira Knightley zu eng wären? »Hab’ ich in New York geschossen!«
Der Shopping-Tripper breitet sich aus wie die Syphilis im Frankreich Ludwig des XIV und er zeichnet sich durch besondere Ausgabe- und Urteilsfreude aus . Was der Shopping-Tripper beim Flug (»499 Euro mit vier Mal Umsteigen, total billig!«) und der Unterkunft spart (»Duschen wären schön gewesen«), lässt er bei Barneys, Gap oder Banana Republik. Gut, das Übergepäck kostet auch noch was, aber dafür versorgt der Shopping-Tripper seinen Freundeskreis nach der Rückkehr kostenfrei mit tiefen Weisheiten über die »amerikanische Mentalität«. »Scheißfreundlich alle, das nervte total!« In New Yorker Geschäften begegnet der Shopping-Tripper etwas, was er aus deutschen Geschäften nicht kennt. Freundliche, auskunftsfreudige Verkäufer, die grüssen und manchmal sogar die Preise kennen, wenn die nicht draufstehen. Aber der Shopping-Tripper ist genervt. »Überall fragen die einen, wie es einem geht. Das ist doch alles nur aufgesetzt!« Aufgesetzte Freundlichkeit – neben den Mahlzeiten während des Fluges – das Lieblings-Hassthema des Shopping-Trippers. Jedes Verkäuferinnenlächeln kommt ihm wie eine Beleidigung vor, jedes »How do you do?« ist ein Betrugsversuch. Aber der Dollar ist niedrig, was soll man machen?
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12. Februar 2008
Die Mörder von Britney Spears
Wenn ich sehe, dass es an der Supermarktkasse lange Warteschlangen gibt, mache ich gern einen kleinen Umweg zum Zeitschriftenregal. Nicht dass ich dort etwas kaufen würde, nur so zum Blättern. Denn meine Zeitungen und Magazine hole ich mir grundsätzlich bei einem persischen Händler, der unverdrossen noch das obskurste belgische Design-Magazin ins Schaufenster stellt, wenn das Cover »schön bunt« ist. Im Zeitschriftenregal im Supermarkt zählen andere Verkaufsargumente. Hier wird es gern ganz persönlich. Magazine von inTouch bis Gala von OK bis Bunte inszenieren das Leben der Prominenz wie eine unendliche TV-Serie. Menschen, die reicher und schöner sind als wir (also praktisch alle), haben auch ihre Sorgen, lautet das heimliche Motto. In diesen einsamen Zeiten bilden die Paris Hiltons und Jennifer Anistons für viele eine Art Ersatzfamilie. Menschen, die ihre eigenen Nachbarn nicht kennen, erzählen von Jennifer Lopez’ Schwangerschaft als wär’s die eigene. Marktfrauen, die aussehen als hätten sie in ihren Kohlrabikörben übernachtet, lästern über Madonnas Altern als müssten sie deren Botox-Spritzen bezahlen. Ein größtenteils harmloses Vergnügen.
Doch gestern sah ich ein Foto, das mich dann doch ehrlich erschütterte. Eine völlig aufgelöste, heulende Britney Spears versteckte sich hinter einer riesigen Sonnenbrille. Auf der Windschutzscheibe ihres Autos spiegelte sich ein Feuerwerk aus Blitzlichtgeschossen. Etwa dreißig Fotografen hatten da gerade gemeinsam abgedrückt. Ein widerliches Bild. Über Britney Spears habe ich mir, ehrlich gesagt, nie Gedanken gemacht. Für den sorgenden Fan bin ich zu alt, für den Spätpädophilen, der Hitzewallungen bekommt, wenn er an das Video zu »Baby, one more time« denkt, hoffentlich noch zu jung. Das Video ist lange her. In ihrem Leben scheint viel passiert zu sein, das meiste davon eher schrecklich. Man muss kein Britney-Spears-Experte sein, um die Angst und Verzweifelung in ihren Augen zu sehen.
Ich will nicht altbacken klingen, aber Britney Spears ist eine schwerkranke, verzweifelte junge Frau, die dem Tode näher zu sein scheint als Johannes Heesters. Auf dem erwähnten Foto, von dem es in Varianten wohl abertausende gibt, war Britney Spears nicht auf dem Weg zu einem Auftritt oder einer Gala, sondern in die Psychiatrie. Der letzte unbeobachtete Augenblick ihres Lebens liegt wahrscheinlich 20 Jahre zurück. Diese Menschenmeute, die vor Krankenhäusern und Apartments herumlungert, ist eine Ansammlung von Stalkern, die ihr Opfer auf Motorrädern oder in schnellen Autos bis aufs Blut verfolgt. Wenn Britney Spears demnächst auf einer ihrer vielen Fluchtfahrten auch gegen einen Tunnelpfeiler rast, werden dieselben Blätter, die heute die Beute der Stalker veröffentlichen, gefühlvolle Nachrufe zusammenlügen. Titelgeschichten, die Nähe suggerieren sollen, wo eigentlich nur die kalte Verachtung herrscht.
Für mich sind die Macher von InTouch, Bild und Co., die Bilder einer schwerkranken Britney Spears auf der Flucht veröffentlichen, Mittäter. Wer Blätter mit solchen Paparazzi-Fotos kauft, ist nicht besser als der Vergewaltiger, der sich an der Todesangst seiner Opfer weidet.
Beim nächsten Mal lese ich wieder den Kicker.
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12. Februar 2008
Richtig lecker
An meinem Käseverkäufer ist ein Künstler verloren gegangen. Jeden Donnerstag öffnet er auf dem Markt seinen Verkaufsstand und türmt die großen und kleinen Käsestücke zu einem Stück Repräsentations-Architektur, das Norman Foster vor Neid erblassen lassen würde. Nach dem Einkauf schickt er seine Kunden mit »Einen sonnigen Tag noch!« nach Hause. Egal ob es gerade regnet oder schneit und ein sonniger Nachmittag so wahrscheinlich ist wie eine zündende Pointe beim Fernsehkarneval.
Besonders schön aber sind die schwungvoll gesetzten Buchstaben, mit der mein Käsemann die Schilder beschriftet. Die Genuss verheißenden Namen allein – »Perigoux«, »Confit d’Epoisses« aus Frankreich, »Taleggio« – reichen ihm nicht. Zusätzlich zu Sorte und Herkunftsland setzt mein Käsemann gern Ausrufe des Entzückens: »Sehr lecker!«, Richtig lecker!« oder mild+ lecker!«. Interessanterweise wechseln die Bezeichnungen von Woche zu Woche. Der »sehr leckere« Käse von heute kann nächste Woche schon der »richtig leckere« sein. Der »richtig leckere« ist dann womöglich »mild+lecker«. Doch jedes Mal, wenn ich meinen Stiftseer, meinen Mai-Gouda und Classe Royal kaufe, frage ich mich, was eigentlich mit dem Käse ist, in dem nur ein Schildchen mit Preis und Namen steckt. Schmeckt der pockengelbe Brocken hinten links tatsächlich so muffig wie er aussieht? Hinterlässt der Weichkäse, der in Farbe und Konsistenz an die Gesichtszüge von Roland Koch erinnert, tatsächlich einen ähnlich faden Nachgeschmack wie dessen Wahlkampfstrategie? Schmeckt der bayrische Frischkäse, bei dem nur der Preis steht, einfach nur nach – nichts?
Ich wage es nicht, diesen poetischen Moment meines Marktgangs zu zerstören und frage lieber nicht nach dem tieferen Geheimnis der Beschriftung. Eher erinnere ich mich an den lukrativsten Job meiner Jugend, als Schildermaler für ein kleines Schnapsgeschäft. Die Formulierungsvorschläge des Ladenbesitzers zeugten von der innigen Verbundenheit zu seiner Ware: »Bier hier billig!«, malte ich in großen Lettern. Oder: »Amselfelder: dicker Kopf, dünnes Geld.« Mein Lieblingsplakat aber war das für einen enorm günstigen, wahrscheinlich brutal nachgezuckerten Riesling. »Deutscher Riesling, 0,7 Liter, eine Flasche 2,99 Mark, zwei Flaschen nur 5,98!!« Das Verkaufsgenie meines rotnasigen Auftraggebers beeindruckte mich. Denn es gab kaum einen Kunden, der das Geschäft mit nur einer Flasche Riesling verließ. Vielleicht war das Zeug aber auch einfach nur »richtig lecker«.
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18. Februar 2008
20 Fragen
1. Warum gibt es eigentlich keine Hintergrundmusik mehr im Supermarkt?
2. Warum steht die Sahne nie da, wo ich sie suche?
3. Warum darf man im Supermarkt nicht aufs Klo?
4. Wie lange bleibt Eis normalerweise in der Truhe?
5. Warum sind die meisten Menschen, die ich Schokolade kaufen sehe, so dünn?
6. Warum sehen alle Waschmittel-Packungen hässlich aus?
7. Warum kommen in deutschen Fernsehkrimis Menschen, die grad einkaufen waren, fast immer mit trägerlosen Tüten nach Hause?
8. Was ist hinter den Türen, auf denen »Eintritt verboten« steht?
9. Warum muss man in die meisten Einkaufswagen einen Euro stecken? Damit man sie nicht klaut? (Ist ein Euro für einen Wagen nicht ein ziemlich guter Deal?)
10. Warum sieht Wurst beim Discounter aus als käme sie direkt aus der Pathologie?
11. Warum riecht billiges Toastbrot im Toaster nach Fisch?
12. Warum haben alte Männer beim Einkaufen so schlechte Laune?
13. Warum haben die Kassiererinnen im Supermarkt ständig Probleme beim Rausgeben auf große Scheine und der türkische Gemüsehändler nicht?
14. Warum sieht man im Supermarkt so selten Paare, die sich küssen, aber viel öfter welche, die sich am liebsten umbringen würden?
15. Warum hat kein Supermarkt, den ich kenne, eine Spielecke für Kinder?
16. Warum geht man so gern in Frankreich, Japan, Amerika oder Schweden einkaufen und so ungern hier?
17. Warum müssen im Winter die Babys im Supermarkt immer die Mütze aufbehalten – selbst dann, wenn sie vor Hitze weinen?
18. Warum gibt es im Supermarkt keinen Marktleiter mehr, der – wie im Werbefernsehen – im weißen Kittel durch die Gänge wandert?
19. Warum sieht jede siebte Verkäuferin viel besser als alles, was sich zu »Deutschland sucht den Superstar« traut?
20. Gibt es wirklich jemanden, der gern »Brot-Chips« isst?
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21. Februar 2008
Neues von der BioFach 1
Ich melde mich diesmal aus Nürnberg von der »BioFach«. Bis vor ein paar Jahren wusste ich auch noch nicht, was das ist. Schade, denn so habe ich die zarten Anfänge der »Weltleitmesse« für Bio-Produkte und –Dienstleistungen aller Art verpasst. Vor sieben, acht Jahren soll es in den schmucklosen Messehallen noch nach Stroh und Tier gerochen haben, als ein paar hundert Ökobauern und Naturkosthändler den Aufstand gegen die konventionelle Lebensmittelindustrie probten. Heute repräsentieren 2740 Aussteller aus 78 Ländern einen globalen Markt von über 40 Milliarden Dollar. Anzugträger dominieren, nur ein paar Polen, Österreicher oder Afrikaner wagen sich noch in traditioneller Kluft auf die Messe. Und die Laptop-Dichte pro Quadratmeter ist wahrscheinlich nur auf der CeBit höher.
Heute, am Eröffnungstag, konnte ich nur kurz durch die Hallen hetzen, weil mein Zug »aufgrund eines Personenschadens« eher stand als fuhr (können die Selbstmörder nicht einfach wieder Schlaftabletten nehmen – so wie früher?).
Am türkischen Messestand versammelten sich ab 17 Uhr zunehmend verzweifelte Galasatary-Fans vor einer Fußballübertragung auf einem winzigen Laptop. Die Iren nahmen ausgiebige Qualitätskontrollen ihres »Organic Guiness« vor. Die Spanier ließen ihr Olivenöl allein und verzogen sich viertelstündig zum Gruppenrauchen vor die Tür. An den chinesischen Ständen sitzt – wie in den Jahren zuvor – die traditionelle Kombination aus grimmigen altem Herren und sprachgewandter junger Dame im Kostüm.
Morgen schaue ich mir mal die Produktneuheiten an. Zum »Renner des Jahres« wurden heute Vormittag übrigens der Mango Lassi aus einer Molkerei mit dem schönen Namen Biedermann und der Cafe Dia aus dem Hause Lebensbaum gekürt. Ich werde mal testen. Aber ich will mir auch »Hempfu« (Hanf-Protein), das Yogi-Tee-Eis, das Knäckebrot von Pfefferbär oder das Rapskernöl mit Butteraroma nicht entgehen lassen. Mensch, Alex und Michalis, wo seid Ihr, wenn man Euch mal wirklich braucht?
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23. Februar 2008
Neues von der Biofach 2
In meinem Bauch geht alles durcheinander. Selbst schuld, wenn ich nur an die Bilanz der vergangenen sechzig Minuten denke: Ein Stückchen sehr würziges Tofu-Schnitzel, einen Bio-Apfel aus Südtirol, neun verschiedene Schokoladensorten mit Chilli-, Pfeffer- und wasweißich-Geschmack (man traut sich schon garnicht mehr nach so etwas Banalem wie ”Vollmilch” zu fragen…), herzförmiger Bio-Mozzarella, über 20 verschiedene Soya-Drinks von lecker (”Wir haben ein bisschen Zucker dazu getan” “Danke”) bis muffig-pelzig im Abgang; dazu Hafer-, Dinkel-, Weizen-Drinks; Fairtrade-Espresso oder -Kakao; Käse aus Holland, Mecklenburg und der schwäbischen Alb; Kamut-Brot… Okay, okay, ich hör mal auf und schreibe lieber von den groben Trends, die man hier so beobachten kann. Vor Jahren konnte man sich noch an dutzenden Kaffeeständen den richtigen Kick für schlaflose Nächte abholen, Kaffee in den verschiedensten Varianten spielt heute auf der BioFach kaum noch eine Rolle, da scheint es nach Fairtrade plus Bio plus lecker auch keine wirklich neue Idee zu geben. Spannend ist, was sich alles im Bereich Gewürze tut. Gefühlte eine Million verschiedene Salzarten warten darauf, auf Hühnerbrüste verstreut und gebacken zu werden, teilweise in edel designten Döschen, für die sich der Preis dann gern auch mal verdreifacht. Edel-Bio präsentiert sich hier in den vielseitigsten Ausformungen, vom perfekt gestylten Produkt, das dann vielleicht nicht sooo überzeugend schmeckt bis hin zum Trendsetter, der den konventionellen Feinkosthandel neidisch werden lässt.
Am Bionade-Stand sieht man viele nachdenkliche Gesichter, denn die Nachahmer tummeln sich unerschrocken in derselben Halle, lassen mal den Zucker ganz weg oder fügen noch ein bißchen mehr dazu, was dann so schmeckt wie Apfelschorle, die zu lange gestanden hat oder Fanta mit Apfelsaft.
Man trifft hier neben der versammelten deutschen Bio-Elite auch viele sympathische Blogger (siehe Kasten rechts), die alle hochkonzentriert durch die Gänge pilgern und fotografieren (und auch sehr nachhaltige Partys feiern) – also in den nächsten Tagen mal reinschauen in die Blogs.
Eisern glänzt der zuständige Minister Horst Seehofer durch Abwesenheit, der das Wachstumspotenzial der Milliardenbranche Bio offensichtlich noch immer nicht erkannt hat und seit Jahren die BioFach schwänzt – diesmal war der Starkbieranstich in München wichtiger.
Das nur kurz zwischendurch. Gleich geht mein Zug, ich hoffe die Selbstmörder genießen das schöne Wetter (12 Grad, Sonnenschein) und werfen sich heute mal nicht vor meinen Zug. Übermorgen ist ja auch noch ein schöner letzter Tag…
Auch für meinen dritten BioFach-Blog, in dem es dann auch ganz konkrete Produktschwärmereien und Skurillitäten gibt.
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24. Februar 2008
Die Biofach von A bis Z
Auf der BioFach 2008 gab es auch in diesem Jahr wieder viel zu sehen und zu hören, zu trinken, zu essen und zu bestaunen. Eine radikal subjektive Nachlese von A bis Z:
Açai Die leckeren Açai-Säfte schmecken wie gedopte Johannisbeeren. Anders gesagt: Die Frucht knallt rein. Die belebenden Açai-Beeren wachsen an zwanzig Meter hohen Palmen im brasilianischen Regenwald und man muss ihn nicht abholzen, um sie zu ernten
Bionade Klonen und Bio geht nicht zusammen, sollte man meinen. Aber teilweise fühlte man sich wie auf einer Messe für Öko-Softdrinks. Liebe Nachahmer: Von leckeren Biobrausen kann es prinzipiell nie genug geben, aber wenn sie schmecken wie Stutenpisse mit Kohlensäure oder Kartoffelfanta mit dreißig Stück Zucker, dann macht doch lieber wieder Mineralwasser. Interessante Ausnahme: bios, eine Art zuckerfreier Bionade-Alternative, die frischer und fruchtiger schmeckt als der süßliche Trenddrink Bionade (der pro Flasche übrigens auf etwa fünf Stück Würfelzucker kommt).
Capuccino Die kleine Koffein-Dosis kommt einen an den verschiedenen Cafés auf der BioFach ziemlich teuer. Für einen mittelprächtigen Latte Macchiatto wurde man da bis zu 2,80 Euro los. Mit einer rühmlichen Ausnahme: Am Stand des Fairtrade-Kaufhauses GEPA gab es den leckersten Cappucino der ganzen BioFach für einen Euro. Das nenne ich einen fairen Preis.
Du Im Rahmen der BioFach fand erstmals ein Treffen von über dreißig sympathischen Bloggern statt, die sich mit Nachhaltigkeit, Konsumethik und Öko-Lifestyle beschäftigen. Ein guter Überblick über Teilnehmer und Ideen gab es hier bei Herwig. Diverse Fotos hat der unermüdliche Christoph von karmakonsum ins Netz gestellt (leider (noch?) nicht von der anschließenden Party, die wahrlich nachhaltige Wirkung hinterlassen haben soll.
Eier Eier mit grünen oder rosa Schalen gibt es also auch. Sie werden von einer Kreuzung aus südamerikanischen und englischen Hühnern herausgepresst, heißen »Babette« und schmecken sensationell. Vielleicht findet sich ja mal ein mutiger Biosupermarkt, der die leicht tuffig aussehenden Eier auch in Hamburg anbietet.
Frischkäse Ich habe schon lange keinen so guten Meerettich-Frischkäse mehr gegessen wie die Neuentwicklung von Andechser Natur. Aber mein Preis für das beste Packungs-Design geht eindeutig an »Kirks« aus Dänemark. Der sieht endlich mal nicht so aus als hätte der Milchbauer selbst am hauseigenen Grafik-PC gewirbelt.
Gleitcreme In Bio-Qualität. Beruhigt einen irgendwie, dass man sich auch in der eher asketischen Bio-Branche über solche Formen der Lebenshilfe Gedanken macht. Und wie: »Neben den geschmacksneutralen Klassikern Starglide Bio Sensitiv (Das Sensibelchen unter den Gleitmitteln), bietet Starglide zehn aufregend leckere Geschmacksrichtungen aus den Serien Fruit und Fun an. Von der „Himmlischen Erdbeere“ bis zur „Prickelnden Cola“ (Öko-Test „sehr gut“).« Ich möchte auch Starglide Aqua nicht unerwähnt lassen (»hol Dir die frische Meeresbrise mit Bio-Meersalzextrakt«) oder die Variante »Schäumender Capuccino«. Schäumender Cappucino… ich bin nicht ganz sicher, ob das der absolute Verkaufsrenner werden wird.
Heimat In diesen Tagen ist viel von Regionalität als Qualitätskriterium für Lebensmittel die Rede. Bei einer BioFach-Diskussion zum Thema »Total global oder regional?« formulierte Wolfgang Gutberlet von der tegut-Stiftung einen interessanten Gedanken zum Kult um heimische Produkte. »Heimat ist für mich mehr als die Region, in der ich lebe. Heimat kann die ganze Welt sein, denn es gibt auch eine geistige Heimat, Werte, die Menschen miteinander verbinden können.«
Isola Sojamilch-Varianten gehören in Bio-Kreisen zum Alltag. Man wagt sich hier auch an Haferdrinks ran. Der neue italienische Milchersatz von »isola Bio« auf Hirse- oder Dinkelbasis war da eine willkommene Abwechslung. Vor allem der zuckerfreie Dinkel-Drink hat mit seinem nussigen Nachgeschmack das Zeug zum Hit. Sehr lecker. Haben wollen!
Ja Zur Sünde. Bio-Schokolade oder –Confiserie war vor Jahren in der Regel ein guter Grund vollständig auf Obst und Gemüse umzusteigen. Es gab die Varianten »Weiß«, die mehlig schmeckte, »Vollmilch« (mehlig-bitter) und Bitter (bitter-mehlig). Heute drängt sich das Fachpublikum am Vivani-Stand um ecuadorianische »Edel-Bitter-Schokolade mit Chilli« oder lässt »Feine Bitter mit Grüntee« im Gaumen ziehen. Erlesen auch die neuen Crispikugeln von Rosengarten, eine Firma, die ihre Produkte im Gegensatz zu manch anderen sympathisch freigiebig offerierte und regelmäßig nachlegte.
Kartoffeln Verzweifelter, von Hand geschriebener Aushang bei einem Chips-Hersteller: »Suchen zuverlässige Kartoffelbauern. Bitte am Stand melden!« Interessant auch die Kartoffelcreme für die Handpflege, die für aufgeraute Handflächen Wunder wirken soll. Sie riecht allerdings als hätte man sich die schlechte Haut vom Kartoffelausgraben geholt.
Lassi Beim Inder schmeckt es manchmal als hätte der Kellner Rosenwasser aus der Vase in den Erdbeerjoghurt von Aldi gerührt. Auf der BioFach konnte man Lassi probieren, den man wahrscheinlich sogar vom Boden lecken würde, um ja keinen Tropfen zu verpassen. Lustigerweise machen die Schweizer den besten: Rosenblüten-Lassi von der Molkerei Biedermann. Zu Recht als eine der Neuheiten des Jahres prämiert.
Monatsblutung Jährlich verwenden die Frauen in Westeuropa 5,6 Milliarden Tampons. Auf eine einzelne entfallen 11 000 Stück im Laufe eines monatlich dann doch etwas nervigen einzelnen Frauenlebens. Drei Viertel davon landet – wenig abwasserfreundlich – direkt in der Kanalisation. Mit den ökologisch sinnvollen Alternativen ist das so eine Sache, denn die Rückkehr zur windelgroßen Recyclingbinde dürfte für die wenigsten in Frage kommen. Der »Mooncup«, ein »wiederverwendbarer Menstruationsbecher«, den eine britische Firma auf der BioFach-Messeschwester Vivaness vorstellte, ist eine ebenso mutige wie misstrauisch beäugte Innovation in vorbildlichem Packungs-Design
Namen Wenn man aus Hamburg kommt, wo Bürgermeister Ole von Beust gerade auf den elegant schwarz-weißen Wahlplakaten an allen Ecken und Enden wie ein Filmstar inszeniert wird, kriegt man natürlich erst mal einen Schock, wenn man vor einem Stand mit »Ole Bio«-Produkten steht. Hat man denn nirgendwo mehr Ruhe? Und überhaupt: was da wohl drin ist? Bio-Toupets? SCHILLer-Locken? Hatte dann aber doch nichts mit dem glücklichen Wahlsieger zu tun, sondern entpuppte sich als spanisches Fertiggericht. Stichwort »Schock«, die Namensgebung hat auch bei Bio-Produkten ihre Tücken und wenn der Juniorchef Alexander Schock heißt, geht es vielleicht auch nicht anders, aber ob »Schock präsentiert neues Bio-Riegel Sortiment« wirklich so die packende PR-Zeile für eine neue Süßigkeiten-Linie ist? Mehr Infos gibt es übrigens unter: www.sesamkrokant.de, www.schock.de war wahrscheinlich schon weg…
Das Fastenpaket »Dinkula« mit vielen verdauungstreibenden Säften erinnert mich dagegen etwas zu stark an Drakula. Vielleicht lässt man bei dieser Kur doch mehr Flüssigkeit als einem lieb ist? Käse aus dem Hause »Ruwisch & Zuck« klingt nach raschem Todeskampf , der »Weinimport Riegel« eher nach Handelssperre und die Verpackungsmaschinenfirma »Multivac« zumindest für angelsächsische Ohren nach viel Spaß… Übel stieß mir der Name »voodoo food« für afrikanischen Kaffee, Kakao, Mangosoßen und dergleichen auf. Die wohlmeinende und sicher sehr soziale und ökologische Münchener Firma sieht die Produkte als »Bestandteil der kulinarischen Kultur Afrikas«, aber muss man dafür beim Namen gleich so tief in die Klischeekiste greifen?
Obelix Obelix war da. Asterix’ großer Bruder Gerard Depardieu, der gewichtsmäßig mittlerweile zwischen Kurt Beck und Helmut Kohl gelandet ist, schwitzte sich als Stargast der BioFach durch die Eröffnungsfeier und sprach einen weisen Satz: »Ich glaube, wir tun alle gut daran, darauf zu achten, was wir in uns reinschaufeln.« Vielleicht spricht er ihn ein wenig spät.
Pressezentrum Auch wenn man nicht immer über die Umstände der eigenen Arbeit schreiben sollte. Aber die Damen im Pressezentrum der BioFach gewinnen Jahr für Jahr meinen persönlichen Preis für den entspanntesten, freundlichsten und professionellsten Auftritt aller deutscher Messepressestellen.
Rotwein Peinlicher Weise trinke ich nie Alkohol. Trotzdem liebe ich den Rundgang durch die Weinhalle, zwanzig Minuten bevor die Stände schließen. Die beste Stimmung der ganzen BioFach.
Quatsch Braucht man Bio-Tütensuppen? Bio-Hühner-McNuggets? Bio-Puddingpulver? Bio-Fertigsauerkraut? Und ein halbes Dutzend verschiedene Bioverbände mit ähnlichen Zielen?
Renner Ich kann mich irren, aber ich könnte mir vorstellen, dass die französischen Bio-Gemüsesuppen von Christian Langloys ein Hit werden. In den bauchigen Flaschen mit dem kleinen Tuchdeckelchen sehen sie so aromatisch aus wie selbst gepresster Fruchtsaft. Sie sind frisch gekocht, halten sich etwa drei Wochen im Kühlregal, schmecken schön sämig und man isst sogar die Spinatsuppe ohne an dunkelste Kinderstunden erinnert zu werden. Mal schauen, ob die dekorativen Flaschen es in deutsche Bioläden schaffen.
Sex Vor zwei Jahren gab es auf der BioFach mal einen Stand, der diverse Aphrodisiaka aus biologisch-dynamischem Anbau offerierte und von hoffnungsfrohen Mittvierzigern umringt wurde. Diesmal musste man sich mit einem Gläschen »Matcha«-Tee begnügen (»You’ll be a Superman tonight«) oder wagte sich an das indonesische Traditionsgetränk »Jamu Laki Laki«, das hier unter dem etwas deutlicheren Namen »Jamu Men« vermarktet wird. Eine »Hilfe für jeden überarbeiteten, gestressten und ausgepowerten Mann«beck_g.jpg, die aus Kräutern, Blumen, Wurzeln und gehackter Baumrinde bestehen soll und exakt so schmeckt. »Wir empfehlen Jamu Men eine Stunde vorher einzunehmen.« Ich warte noch immer…
Tee Vielleicht hat mich auch nur die geballte Kompetenz der missionarischen Damen am Herbaria-Stand verwirrt, aber so einen guten weißen Tee wie den Pai Mu Tan habe ich in Deutschland noch nie getrunken. Dafür sollen 40 Gramm aber auch über 17 Euro kosten. »Sie brauchen aber auch wirklich nicht viele Blätter für eine Kanne. Noch mal probieren?« »Sehr, sehr gern.«
Ungut Fast in jedem Vortrag, in jeder Diskussion war die gescheiterte Übernahme der Basic-Kette durch Lidl ein viel beklatschtes Thema. Es schien als habe David Goliath noch einmal besiegt. Tatsächlich hatte die notorisch unterkapitalisierte Biosupermarktkette nach einem potenten Investor gesucht, der die angekündigte Ausweitung vorstreckt. Dass Lidl als Partner keine so glänzende Idee war, ist klar, aber wie »Bio für alle« ohne dramatischen Ausbau des Bio-Handels gehen soll, wussten die vermeintlichen Rebellen auch nicht. Es bleibt spannend.
Vegetarier Schlechte Nachrichten für Pflanzenfresser: Ökolands »Superwurst«, die »erste klimaneutrale Bratwurst«, rettet die Welt. Stand jedenfalls auf einem Luftballon, der am Samstagnachmittag durch eine der Hallen segelte.
Wetter Am ersten Tag regnete es kaltes Wasser. Am Schlusstag knallte die Februarsonne. 15 Grad. Bio macht die eben Welt doch besser.
Xixia Hengchanglong Ltd …war natürlich auch da. Getrocknete Biopilze aus China.
Yogi Ich werde nie verstehen, wieso Manfreds oder Holgers aus Hannover sich die Gesichtsbehaarung wachsen lassen, ein Babyspucktuch um den Kopf windeln und einen indisch klingenden Namen annehmen, um am Yogi-Tee-Stand Authentizität vorzugaukeln. Dabei schmeckt der Tee sogar.
Zärtlichkeit Der Berliner Ökostrategieberater Jörg Reuter hielt in einem überfüllten Saal einen schwungvollen Vortrag über den »modernen Bio-Konsumenten« und kündigte an, im Anschluss noch »für zwei Stunden« über die Messe spazieren zu wollen. »Sie erkennen mich daran, dass ich einen Kinderwagen schiebe und eine wunderschöne Frau an meiner Seite ist.«
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23. Februar 2008
Kundenwaage
Mein Problem mit Warteschlangenverursachern an der Supermarktkasse habe ich ja bereits geschildert. Allerdings haben Obstwiegenvergesser bei mir einen kleinen Bonus. Nicht zuletzt, weil ich selbst zu ihnen gehöre. Es gibt Biosupermärkte, die 7,99 Euro für eine Ananas verlangen, aber sich keine Waage an der Kasse leisten können wie sie bei Plus oder Spar zum Standard gehören. So stehe ich mit meinen ungewogenenen Äpfeln und Birnen an der Alnatura-Kasse regelmäßig da wie ein kleiner Junge, der noch mal zum Händewaschen muss, weil die Fingernägel immer noch nicht sauber sind. »Haben Sie etwa nicht ausgewogen?« Und zurück auf Los.
Klar, dass die Obstabteilung am anderen Ende des Supermarktes liegt. Der Tag dürfte nicht weit sein, an dem man an der Kasse auch noch selbst den Gesamtpreis zusammenrechnen muss, bevor man den Laden verlassen darf. Natürlich hat das Selbstwiegen auch Vorteile. Studenten-WG’s erzielen namhafte Ersparnisse, indem sie zehn Äpfel kaufen, aber nur acht auf die Waage legen. Kleiner Tipp in diesem Zusammenhang: 14 Bananen für 1,19 Euro machen auch die gedankenloseste Kassiererin misstrauisch. Und wer die Papaya mit »Speisemöhren« etikettiert, weil die nicht mal ein Zehntel kosten, kommt ebenfalls eher selten durch. »Upps, die Bilder sehen sich so ähnlich!«An der im Supermarktsprech »Kundenwaage« genannten Dienstleistungszumutung erweist sich die Kreativität und Intelligenz der modernen Konsumentengeneration. Und ihre Lethargie. Ich persönlich drücke bei fünf verschiedenen Apfelsorten prinzipiell auf die erste Taste, was mir an der Kasse schon strenge »Das sind doch keine Boskop!«-Rügen eingebracht hat. Einen Mann habe ich mal beobachtet, der seine gesamte Gemüseauswahl auf die Waage legte und »Kartoffeln« drückte – ein hübscher gourmetphilosophischer Kommentar. Auch sehe ich immer wieder misstrauische Rentner, die Mehl- und Haferflockenpackungen zur Probe auf die Gemüsewaage stellen, um nachzusehen, ob auch wirklich 500 Gramm drin sind.
Ein bisschen Zeit muss mitbringen, wer an der Kundenwaage direkt hinter einer dieser Bio-Mütter steht, die ihren Kleinen frische Lernerlebnisse verschaffen wollen und sie auf alle Knöpfe drücken lassen. Ja, auch beim zehnten Drücken mit angesabberten Zeigefingern kommt – »Wo ist denn das kleine Schildchen, mein kleiner Puschel?« – ein Preisschild heraus. Und wie niedlich das auf Kindernasen aussieht! Und natürlich ist es auch total süß, wenn Puschel Birnen auswiegen soll, mit seinen Stummelärmchen noch nicht an die Birnentaste rankommt und ständig auf der Sellerie landet. »Versuchs noch mal, mein Puschel – kleinen Moment noch, das ist alles so aufregend für ihn!«Leider scheinen die Hersteller von Etikettenkleber noch nicht die goldene Mitte zwischen Hält-keine-Sekunde und Hält-ewig gefunden zu haben. Beim Versuch die Preisschilder aufzukleben, hängen sie an Fingern und Nase wie die Nudel in Loriots berühmten »Sie haben da was«-Sketch. Wenn man daheim das Preisschild von seinen Braeburn-Äpfeln kratzt, weil man die als überzeugter Bio-Konsument nicht noch extra in eine Tüte gepackt hat, reißt man die halbe Haut gleich mit ab. Eigentlich hatte ich mir daher angewöhnt, sämtliche Preisschilder aus der Obst- und Gemüseabteilung zum Gemeinschaftsscannen auf die Milchpackung zu kleben. Aber da werden Sie an der Kasse angesehen wie ein Manager bei der Steuererklärung.
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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…
