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Fred kauft ein: Januar 2008

13. August 2008 von Fred  
Abgelegt unter Kolumne

Archiv der Kolumnen von Fred Grimm

03. Januar 2008

Aus deutschen Landen

Wenn Sie in diesem Jahr schon einkaufen waren, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass es in der Obst- und Gemüseabteilung jetzt mehr zu lesen gibt als früher. Seit dem 1. Januar steht auf Birnen, Bananen oder Brokkoli drauf, wo die Sachen herkommen. Ein kleiner Fortschritt. Wer sich Gedanken macht, wie er seine Klimabilanz verbessert und wie er Frischware aus der Region im Supermarkt auch findet, bekommt jetzt endlich die notwendigen Informationen. Aber die Sache ist nicht so einfach wie sie auf den ersten Blick scheint.

Nach einer Podiumsdiskussion über den Film »Unser täglich Brot« habe ich mich mal von einem kenntnisreichen Bauern belehren lassen, dass nah nicht immer auch gut bedeuten muss. Er rechnete mir vor, dass beispielsweise die Ökobilanz eines frischen Bio-Apfels aus Italien viel besser sei als die eines deutschen Apfels, der mit viel Chemie behandelt und einen Winter lang in einer Lagerhalle gekühlt und begast wurde. Der hohe Energieaufwand bei der Herstellung künstlicher Dünger ruiniert die Klimabilanz von konventionell angebautem Obst und Gemüse, auch wenn es aus der Nachbarschaft stammt.

Wenn man mit Experten darüber spricht, brummt einen schnell der Schädel. Neulich rechnete mir einer vor, dass das Rindersteak aus Argentinien unser Klima weniger schädigt als deutsches Rind aus der Fleischfabrik. Die argentinischen Rinder liefen frei herum, fressen, was die Pampa hergibt, das Fleisch reife auf dem langen Transport per Schiff, während für das deutsche Rindfleisch Billig-Soja aus abholzten Regenwaldflächen herbei geflogen werde, die mit viel Chemie versetzte Rinderkacke unsere Böden ruiniert und das Fleisch mit großem Energieaufwand in ungedämmten Hallen lagert. Uff.

Wenigstens weiß mein Not-Gemüsehändler, der, der bis kurz vor 21 Uhr auf hat, immer, woher seine Ware kommt. Als ich ihn vor Einführung der Kennzeichnungspflicht mal nach dem Ursprungsland des leicht verwelkten Brokkoli fragte, starrte er das grüne Bündel lange und fachmännisch an. Er roch noch mal kurz dran und sagte: »Vom Großmarkt.«

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06. Januar 2008

Bio’s Namen

Man sollte über Namen keine Witze machen. Vor vielen, vielen Jahren – da stand die Mauer noch – verdarb ich es mir mal mit einer Freundin aus Magdeburg, die ihren Sohn »Börge« genannt hatte. »So heißen bei uns die Regale«, fiel mir spontan ein und die Ost-West-Freundschaft war irgendwie vorbei. Gerade entdeckte ich beim Umwuchten meiner Papierstapel ein älteres Plakat der Fachzeitschrift ”Bio Welt«. Es enthält eine namentliche Auflistung sämtlicher Bioläden in Deutschland und eröffnet einen Einblick in die viel zu selten gewürdigte poetische Kraft des deutschen Naturkosthandels.

»Ährensache«, »Querkorn«, »Grünschnabel«, »Haferstich«, »Stielbruch« – deutlich zeigt sich an der Namensgebung die Herkunft vieler Biopioniere aus dem geisteswissenschaftlichen Prekariat mit Hang zum naturnah-heiteren Wortspiel. Gern raunt es bei der Ladentaufe auch mystisch-erdverbunden (»Keimblatt«, »Fruchtbare Erde«, »Schwarzwurzel« oder »Naturgabe«) – als hätte der selige Rudolf Steiner beim Schilderschreiben den Pinsel geführt. Dass auch knallharte Ökos gern mal einen Witz machen, ahnt man, wenn man in Läden wie »Flotte Karotte« oder »Fröhlicher Reisball« nach Tofuscheiben fahndet.

Auf den Hang zum Regionalprodukt verweist das »Mehlsäckle« in Ulm. So ein mutiges Apostroph wie in »Sylvia’s Biotheke« findet man wohl nur in Offenbach. Viel Lokalkolorit verströmt auch der »Biersack« in Regensburg, der allerdings nicht auf das Leibgetränk der örtlichen Grünzeugfresser anspielt. Die Inhaber, Michael und Maria, heißen so. Charmant-persönlich lockt »Eddas Ökowelt« die eher unverwöhnten Hannoveraner.

Doch wie bei jeder Liste gibt es auch bei dieser unangefochtene Spitzenreiter. Lange war der rätselhafte, wunderbar technische »Omnibus-Naturkostladen« mein Lieblingsmarkt. Bis ich auf einen Namen stieß, der Aufbruch und Melancholie der Ökobewegung, Verheißung und Plagen, ja: unser Sein überhaupt so trefflich zusammenfasst wie kein anderer aus der langen, langen Liste. Über dieser ehrwürdigen Vollkornbäckerei in Hagen steht: »Niemand«.

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09. Januar 2008

Die Tyrannei der Schönheit

In kaum einer Erzählung über die Frühzeit des Naturkosthandels fehlt der Hinweis auf Schrumpelmöhren, speckige Äpfel oder staubige Kartoffeln. Man erinnert sich an Latzhosen tragende Vollbärte, die es nach dem 16. Semester Philosophie hinter den Tresen verschlagen hatte, an Veganerinnen in wallenden Hanfgewändern, die nur zu den christlichen Feiertagen gewechselt wurden. Wie in allen Klischees steckt auch in diesen Erzählungen ein Kern Wahrheit. Auch wenn ich mit den Jahren sicher nicht zum überzeugten Bio-Esser geworden wäre, wenn das Obst und Gemüse aus den ersten Ökoläden nicht sehr viel besser geschmeckt hätte als die unkaputtbaren Äpfel-, Birnen- oder Tomatenimitate, die sie einem in konventionellen Supermärkten verkaufen.

Wenn ich heute meinen Einkaufswagen durch den Bio-Supermarkt schiebe, wandle ich in einer Fabelwelt. Äpfel und Tomaten liegen gleichförmig aufgereiht wie eine nordkoreanische Armeeformation zu Ehren Kim-Il Sungs. Die Kohlrabischalen sehen aus wie die Haut von Nicole Kidman. Und konnte man früher in der ein oder anderen glorios verformten Möhren noch die verwitterten Züge seines Hausmeisters erkennen, so warten die »Bio-Möhren« von heute im kreuzbraven Minivibratoren-Einheitsmaß auf ihre Käufer.

Die Tyrannei der Schönheit macht nicht mal vor dem angeblich so natürlichen Angebot im Bio-Supermarkt Halt. Im Durchschnitt gelangt bis zu 20 Prozent des geernteten Obst und Gemüses aus Öko-Produktion gar nicht mehr in die Läden, weil ihr Aussehen den angeblichen Ansprüchen der LOHAS-Kundschaft nicht mehr entspricht. Eine Strauchtomate, die kleiner als 47 oder größer als 67 Millimeter ist, landet im Abfall. Eine Möhre, die sich eine obszöne Ausbuchtung leistet, bekommt als Kompost eine Chance zur Reinkarnation als Rübenschönheit.

In England fand vor einiger Zeit ein wunderbarer Wettbewerb statt: Die »Ugly Vegetables Competition«. Gekürt wurde das hässlichste Gemüse des Landes. Gewonnen hat eine Pastinake, die an ein Meeresungeheuer erinnert. Knapp dahinter eine Tomate, die aussah wie Roland Koch vor der Morgenwäsche.

Ich weiß nicht, was als nächstes kommt. Vielleicht sortieren demnächst Türsteher von den Basic-, BioCompany- oder Erdkornmärkten, die Kundschaft aus, die mit ihren Falten, Bäuchen oder Unfrisuren nicht mehr zum durchgestylten Warenangebot passt. Vielleicht werde ich alt und sentimental, aber manchmal wünsche ich mir die Schrumpelmöhren zurück.

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21. Januar 2008

Bier wech

Heute habe ich in meinem Einkaufswagen einen leicht zerknitterten Zettel gefunden: »Milch, 3 Eier, Rüb, Kff, Quark, Brotr, Schok, Ä, Bier weich« Eine Einkaufsliste, kein Zweifel. Die verwackelte Schrift lässt an eine alte Dame denken, die noch Sütterlin beherrscht. Bescheidene Vokale, die r’s wie hingetupft, die Pünktchen auf dem u und dem großen A wie ein schüchterner Strich. Seltsam das Kürzelsystem: Milch, Quark und Eier ausgeschrieben, der Rest ein kleines Rätsel. »Rüb« steht wohl für Rüben, »Kff« wahrscheinlich für Kartoffeln und den »Brotr«-Geschmack haben Alex und Michalis bestimmt immer noch im Gaumen. »Ä«? Ich tippe auf Äpfel, aber »Bier weich«?
Ich habe keinen Schimmer. Ein Schreibfehler (»Bier wech«)? Eine neue Sorte, »Weichbier« als Pendant zum glutenfreien Schokokeks? Der kleine Zettel in meiner Hand hatte etwas sehr Intimes, als würde man in einen fremden Kühlschrank schauen.

Als ich noch klein war und samstags freiwillig einkaufen ging (ich durfte mir immer eine Süßigkeit für zehn Pfennige aussuchen), trugen die meisten Menschen im Edeka-Laden um die Ecke solche Einkaufszettel bei sich. Oft mit ganz genauen Mengenangaben. Verschwendung konnte man sich da, wo ich aufgewachsen bin, nicht leisten. Irgendwann kam die Zeit, in der nicht mehr »Schokolade« auf den Zetteln stand, sondern Milka, nicht »Quark« sondern Hansano. Mit dem Einzug der Markennamen auf die Einkaufszettel wurde deren letzte Runde eingeläutet. Kulturpessimisten würden sagen: Man ging nicht mehr »Besorgungen machen«, man ließ es sich besorgen, ergab sich der Verführungskraft optimierter Warenpräsentation. Alles war so billig geworden, dass man aufs Geld nicht mehr so schauen musste. Vielleicht konnten wir uns dank der Markennamen aber auch nur alles besser merken.

Ich habe schon lange keinen Einkaufszettel mehr geschrieben. Wenn ich mal wieder damit anfangen sollte, »Bier weich« kommt auf jeden Fall mit dazu.

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21. Januar 2008

lechts und rinks

Der trübe Januar ist eine gute Gelegenheit, die angeschrabbten Wanderschuhe aus dem Schrank zu holen und anzuziehen. Es reicht momentan zwar nur für kleine Spaziergänge zwischen Drogerie, Obstladen, Supermarkt und Kindergarten, aber es fühlt sich wenigstens an den Füssen an, als würde ich zu großen Abenteuern aufbrechen.

Die besten Wanderschuhe sind nur so gut wie die Socken, die die zarten Füße vor dem rauen Lederfutter beschützen. Sagt einem jeder Fachmann, der schon vor Hape Kerkeling mal zu Fuß unterwegs gewesen ist. Der Einkauf von Wandersocken ist nun allerdings ein wirkliches Abenteuer. In den fünf Jahren, die seit meinem letzten Wandersockengroßeinkauf vergangen sind, scheint sich ein regelrechtes Fußbekleidungskartell etabliert zu haben. Mehr als zwei Anbieter schaffen es nicht mehr in die Outdoor-Abteilungen, in die ich es schaffe. Und jede Socke, die etwas stärker und fester ist als die Nerven von Guido Westerwelle, wenn man ihn nach einer Ampelkoalition für Hessen fragt, trägt einen Aufdruck, der mich in mindestens so tiefe Sinnkrisen stürzt wie das »Danke« auf dem Klopapier: »R« und »L«.

Rechts und links also. Mir ist bis heute nicht eingefallen, wie man solche Socken ohne Peinlichkeit anziehen kann. Trägt man sie korrekt, wirkt man wie ein Volldepp, der den Hinweis nötig hat, weil er sonst mit den Seiten durcheinander kommen würde. Trägt man die Socken »falsch«, wirkt man wie ein Pseudorebell; einer der sich lässig über die Konventionen des Alltags hinwegsetzt, nachts todesmutig bei rot über die Straße geht und im Sommer vor dem Café auf dem Bürgersteig sitzt, um seinen latte zu schlürfen. Barfuss. (»R« und »L« mit dem Kuli auf den haarigen Spann gekritzelt.) Auch scheiße.
Kauft man zwei Paar Wandersocken, die einem immerhin eine »R«/»R«-Kombination ermöglichen würde, könnten einem das als stille Solidaritätsbekundung für Roland Koch ausgelegt werden. Und »L«/»L« sieht nun wirklich linkisch aus. Lala. Teletubbies.

Es ist beinahe tragisch. Die besten Wandersocken, die man kaufen kann, tragen das Kainsmal der Unselbständigkeit. Wenigstens lacht im Dichterhimmel der große Ernst Jandl: »manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum«.

Ps: Jaja, ich weiß – die Fußbekleidungsmafia behauptet, linke Wandersocken wären anders geschnitten als die rechten. Glaubt ihr kein Wort!

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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…

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