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2. September 2010 | Nachrichten Feed

Fred kauft ein: Juli 2008

20. Oktober 2008 von Fred  
Abgelegt unter Kolumne

Archiv der Kolumnen von Fred Grimm

7. Juli 2008

Sorry, Afrika

In der Wirtschaftswoche kann man in jeder Ausgabe einen mächtigen Manager an seinem Schreibtisch bewundern. Zum Zeichen ihrer absoluten Macht sitzen die hohen Herren (Frauen gibt es in diesen Sphären nicht) hinter Schreibtischen, die ebenso riesig sind wie leer. Bis auf den obligatorischen Computer, der aber wahrscheinlich nicht mal eingestöpselt ist.
Jeden Anschein von Arbeit, der sich in Unterschriftenmappen, Notizzetteln oder dergleichen ausdrücken würde, haben die Manager wegdelegiert. Auf ihren Tischen spielen sie statt dessen Minigolf, wenn mal keine Sitzung ansteht, oder sie brauchen die freie, matt glänzende Fläche, um ihr Spiegelbild zu bewundern. Wer hinter einem leeren Schreibtisch sitzt, hat es geschafft.

Ich bin ein Verlierer. Auf meinem Schreibtisch türmt es sich bis in Kopfhöhe. Bei den Preissteigerungen, die Altpapier derzeit erlebt, wird das, was hier vor sich hin staubt, wahrscheinlich mal der wertvollste Teil meines Nachlasses. Natürlich brauche ich jeden einzelnen Zettel, jeden Zeitungsausriss, jedes Buch und jedes Magazin, aber die leeren Schreibtische der deutschen Wirtschaftselite lassen mich über andere Überflüssigkeiten in meiner Wohnung nachdenken. Meine vollen Schränke sind stumme Zeugen meiner Unfähigkeit, nur wirklich das Nötigste zu verwahren. Wenigstens bin ich nicht allein.

Jeder Mensch hat wahrscheinlich den einen oder anderen Kauf gemacht, an den er hinterher nicht mehr erinnert werden mag: Geschmacksverirrungen im Modebereich, das gehypte Handy, das schon Wochen später museumsreif war, die Sneakers, in denen man dann doch nicht richtig laufen kann. Um mal über meine schlimmsten Konsumverbrechen zu meditieren, wie das im Feuilletondeutsch heutzutage heißt, arbeite ich ab sofort an dieser Stelle an einer Liste der 100 überflüssigsten Einkäufe meines Lebens.

  1. Gekauftes Objekt: Eine knallrote Anzugjacke. Die Farbe leuchtete so schön. Kaufort: Berlin. Die harte Wahrheit: Ich sah aus wie ein Sat 1-Frühstücksfernseh-Moderator Anno 1989. Einmal getragen. Ging in die Altkleidersammlung. Sorry, Afrika!
  2. Gekauftes Objekt: Wo wir gerade davon sprechen. Von Hand gearbeitete Obstschale aus afrikanischem Holz. Kaufort: Accra, Ghana. Die harte Wahrheit: Bei mir zuhause in der Küche sah die Obstschale aus als hätte ich sie selbst geschnitzt.
  3. Gekauftes Objekt: Österreichische Schnürstiefel. Kaufort: Manufactum.de Die harte Wahrheit: Wenn mal jemand einen schwulen Sadomaso-Porno drehen will, hätte ich das richtige Kostüm…
  4. Gekauftes Objekt: Frische Granatäpfel. Kaufort: Jerusalem, Israel. Die harte Wahrheit: Gibt es einen Menschen, der weiß, wie man diese Dinger elegant eßbar macht?
  5. Gekauftes Objekt: Ein französisches Rennrad. Kaufort: Hamburg. Die harte Wahrheit: Die einzigen Menschen auf der Welt, bei denen Rennradfahren gut aussieht, sind gedopt.
  6. Gekauftes Objekt: Ein Hemd mit Mondrian-Muster. Kaufort: Eine Herrenboutique in Köln. Die harte Wahrheit: Ein Hemd mit Mondrian-Muster?
  7. Gekauftes Objekt: Ein 200 Seiten dickes Notizbuch aus Recyclingpapier. Kaufort: Ein schicker Laden im Glockenbachviertel, München. Die harte Wahrheit: Wenn ich jeden Tag zehn Seiten in einem meiner Notizbücher vollschreiben würde, wären die, die ich jetzt schon habe, frühestens im Jahr 2067 voll.
  8. Gekauftes Objekt: Eine eng sitzende graue Wollhose mit Schlag. Kaufort: Hamburg, Karo-Viertel. Die harte Wahrheit: Paßt wunderbar zum Mondrian-Hemd.
  9. Gekauftes Objekt: Ein blau-orangefarbener Strandrucksack von Billabong. Kaufort: Sydney, Australien. Die harte Wahrheit: Von Hamburg aus ist der Weg zum Strand doch weiter als man denkt.
  10. Gekauftes Objekt: Das Kicker-Sonderheft zur EM 2004. Kaufort: Hamburg. Die harte Wahrheit: Deutschland gegen Tschechiens B-Mannschaft 1:2. Aus in der Vorrunde.

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16. Juli 2008

Zu viel

Wann immer ich mit kritischen Geistern über die Vorzüge und Nachteile von Bio-Lebensmitteln diskutiere, darf ein Argument nicht fehlen: »Gut und schön«, höre ich oft, wenn ich über artgerechte Tierhaltung, giftfreie Böden und Klimaschutz spreche. »Aber das ganze Zeug können sich doch nur Reiche leisten.« Als ich unlängst einer freundlichen Journalistin von stern.de erzählte, daß vor meinem Biosupermarkt keine Porsche Cayennes parken würden und 1,19 Euro für einen Liter Biomilch einen nicht ruinierten, kommentierte ein aufgebrachter Leser: »1,19 Euro – in was für einer Welt lebt der denn?«Beim Nachrechnen stellte ich fest, daß mich der Umstieg auf Biomilch nicht mal neun Euro mehr im Monat kostet. Im Schnitt geben wir Deutschen knapp über 12 Prozent unseres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. Mit diesem Anteil liegen wir in Europa an der unteren Grenze. Dem Durchschnittsfranzosen ist das Essen ein Drittel seines Einkommens wert. Ausgaben für Lebensmittel sind also auch eine Frage der Prioritätensetzung – das schreibe ich ohne Ignoranz gegenüber all jenen, die wirklich bitter wenig Geld zur Verfügung haben. Immerhin scheinen wir es uns in weiten Teilen Europas immer noch leisten zu können, daß ein beträchtlicher Teil unserer Einkäufe im Müll landet.

Das Wiener Institut für Abfallwirtschaft wollte es genau wissen. Ein Jahr lang durchwühlten die Wissenschaftler den Hausmüll der Hauptstädter, sammelten, zählten zusammen und landeten bei einer verblüffenden Zahl. Jahr für Jahr schmeißt der Durchschnittswiener 43 Kilogramm Lebensmittel weg, für die er knapp 400 Euro bezahlt hat. Dabei handelt es sich größtenteils nicht um mißglückte Kochexperimente, sondern um absolut Eßbares, oft noch original verpackt. Die Briten werfen ein Drittel aller gekauften Lebensmittel in den Müll, ergab eine Studie. In den USA landen jährlich 30 Millionen Tonnen Nahrung im Abfall. Für Deutschland gibt es keine genauen Zahlen. Schätzungen zufolge werden ein Fünftel der gekauften Lebensmittel weggeworfen. Allein die Kölner Tafel sammelt jährlich 52 Tonnen Lebensmittel für ihre Armenküchen ein. 52 Tonnen. So lange wir uns in Deutschland so etwas leisten können, sollten uns die höheren Preise für Bio nicht schrecken.

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18. Juli 2008

Happy Birthday!

Kaum zu glauben, wie viele Lebensmittel täglich weggeworfen werden. Die entsprechenden Zahlen in meinem letzten Blog mochten einige kaum glauben, bis auf eine Ausnahme vielleicht: Daß vor allem in England Essen eher im Müll statt auf dem Teller landet, konnten einige nachvollziehen, die schon mal in einem echten britischen Pub gegessen haben.
Aus Großbritannien kommen aber auch gute Tipps, wie man die private Schande des Essenwegschmeißens vermeiden könnte. Der »Guardian« hat eine lange Liste mit Tipps veröffentlicht, aus der ich die sechs besten herausgepickt habe.

1. Keine Angst vor leeren Kühlschränken!
Man muß nicht immer so viel im Kühlschrank lagern, daß man zur Not eine ganze Fußballmannschaft bekochen kann. Die Steinzeit, in der man rivalisierenden Rudeln mit den Futtervorräten imponieren konnte, ist vorbei. Und wenn man erst mal soweit ist, kann man auch über die Anschaffung eines kleineren, energiesparenden Kühlschranks nachdenken.

2. Qualität statt Quantität
Klingt banal, stimmt aber: Was teurer ist, wird seltener weggeschmissen. Lieber davon weniger kaufen als zuviel von dem 0815-Zeug.

3. Richtig lagern

Es gibt eine gute englische Website (lovefoodhatewaste.com) mit vielen Tipps, wie man Äpfel, Joghurts, Käse oder Wurst vor dem raschen Vergammeln bewahrt. Oder aus Resten wunderbare Mahlzeiten zaubert. Lebens(mittel)verlängernd! Vielleicht kennt ja auch jemand eine gute deutschsprachige Seite dieser Art?

4. Selber Kochen
Ein Rat, der nach Mama klingt und den gestressten, modernen Großstadtmenschen zur Weißglut bringt: Wann, bitte soll ich das denn auch noch machen? Vielleicht in der Zeit, in der man nur Fernsehen guckt, um sich hinterher über den Mist zu ärgern, den man grad gesehen hat? Und noch ein Tipp: Die meisten Menschen, die ich kenne, kochen grundsätzlich für vier – egal, wie viele mitessen. Beim Nachkochen der Rezepte einfach die Mengenangaben durch zwei teilen. Reicht bestimmt immer noch!

5. Einfrieren
Ja, man kann sogar Käse einfrieren, wenn man die richtigen Gefrierbeutel nimmt. Und selbst gekochte Suppen sowieso. Ein volles Eisfach ist außerdem energieeffizienter als eines, in dem angebrochene Eispackungen und zerklumpte Tiefkühlgewürze herumliegen.

6. Vorbei ist nicht vorbei
Auch wenn ich beim Einkauf etwas neurotisch bin, wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, schmecken 19 von 20 Bio-Joghurts immer noch. Abgelaufene Butter kann man immer noch zum Backen nehmen. Wenn allerdings die Milch herausbröselt statt zu fließen, hat man den richtigen Moment wohl doch verpaßt.

Kleiner Nachsatz: Heute mal ausnahmsweise Äpfel aus Südafrika kaufen! Als kleine Geste. Nelson Mandela, einer der wenigen wahren Helden unserer Zeit, wird neunzig. Happy Birthday!

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24. Juli 2008

Obama – das iPhone-Prinzip

Obama ist da. Als Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin lernt er gleich kennen, was deutsche Gastfreundschaft heißt. Kanzlerin Angela Merkel, die nichts gegen Mercedes-Benz-Modenschauen, die Präsentation eines neuen Audi-Modells oder gar einen Auftritt des Dalai Lamas vor dem Brandenburger Tor hatte, entdeckt urplötzlich die Würde dieses historischen Ortes und verhindert die geplante Rede des möglicherweise nächsten amerikanischen Präsidenten. Daß es jetzt der Platz vor der Siegessäule geworden ist, paßt der gastfreundlichen Union nun auch wieder nicht.CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer – nein, den muß man nicht kennen – verwahrte sich im Weltblatt »Schwäbische Zeitung« dagegen, daß der farbige Politiker mit seinem Auftritt »große deutsche Plätze zu amerikanischen Wahlkampfbühnen verkommen« läßt.

Abgesehen davon, daß wir es nicht zuletzt amerikanischen Soldaten zu verdanken haben, daß in Deutschland überhaupt wieder Wahlkampfveranstaltungen stattfinden können, fragt man sich, welcher Ort den Unionspöblern denn recht gewesen wäre? Hätte Barack Obama nach Dachau fahren und ganz besondere bayrische Traditionen aufarbeiten sollen? Nach München, in die einstige Hauptstadt der Bewegung, von der aus Adolf Hitler seine NSDAP aufbaute? Oder hätte ihn Angela Merkel, die in ihrer Jugend als FDJ-Kreisleitungsmitglied für Agitation und Propaganda erste Erfahrungen mit der Wahl der richtigen Schauplätze für politische Veranstaltungen sammelte, in ihren Wahlkreis nach Mecklenburg-Vorpommern schicken sollen, wo Menschen mit dunkler Hautfarbe ja besonders herzlich willkommen geheißen werden?

Barack Obama ist so etwas wie das iPhone der internationalen Politik. Plötzlich ist etwas Neues da, maßlos überschätzt vielleicht, aber geliebt und das, was war, sieht auf einmal alt aus. Kann man sich vorstellen, dass Scarlett Johanssen für Peter Ramsauer singt? Dass Angela Merkel den nächsten CDU-Parteitag von einen Ökoberater durchorganisieren lässt, mit biologisch abbaubaren Luftballons, Bio-Essen und klimaneutraler Logistik? Dass, sagen wir: der Sohn eines Türken und einer Berlinerin Kanzlerkandidat wird? Kann man sich natürlich nicht und deshalb sehen die deutschen Politiker beim Obama-Besuch so traurig weltvergessen aus wie sie leider auch sind. Geprägt von Männern und Merkels, die Facebook für eine Fahndungsliste im Internet halten, und nie auf die Idee kommen würden, wie Barack Obama in einem Armenviertel Sozialarbeit zu machen statt Karriere in der JU.

Obama ist da. Ein sympathischer Mann mit einer tollen Frau und lustigen Ohren. Kann man da nicht einfach mal sagen: Schön, dass Sie da sind? Welcome in Berlin, Mr. Obama!

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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mit dem Monat Juli enden die archivierten Kolumnen. Mehr zum Thema…

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