Fred kauft ein: Juni 2008

01. Juni 2008
It´s not easy…
Komme gerade zurück von der zweiten Karmakonsum-Konferenz aus Frankfurt. Spannende Referate, superspannende Leute, der Klimawandel in den überhitzten Räumen körperlich spürbar. Ein tolles inspirierendes Treffen von über 200 Menschen, die überlegen, wie sie die Botschaft eines bewussteren und ökologischen Lebens weitertragen und in ihren Alltag übersetzen können. Vom Ökostyler bis zum grünen Revolutionär war alles vertreten, ein Kompliment an Christoph und Noel von Karmakonsum für Struktur und Organisation!
Details finden Sie in den kommenden Tagen auf allen einschlägigen Blogs und vielleicht auch in der Presse. Einen wunderbaren, kleinen Film, der auf der Konferenz die Runde machte, möchte ich den Ivyworld-Beuchern nicht vorenthalten: Der große kleine Frosch Kermit blickt 1969 voraus in unsere Zeit und singt uns allen aus den Herzen: »It’s not easy being green«. Ich bin gerührt!
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05. Juni 2008
Dinosaurier
Ich habe mir noch nie ein Auto gekauft. Meinen ersten und bislang einzigen Wagen, einen roten Golf, habe ich von meinen Eltern übernommen als die sich einen Passat leisten konnten. Den fuhr ich sehr, sehr selten (mit nachgerüsteten Katalysator), bis Moos auf dem Dach wuchs und man eines Tages plötzlich das Lenkrad in der Hand hielt. Heute wohne ich drei Fußminuten vom Bahnhof entfernt, ganz nah an der Bushaltestelle. Ansonsten steht ein Fahrrad vor der Tür, das nicht mal die Junkies klauen würden. Für mich ist Autofahren der Inbegriff des Gestrigen, eine Art der Fortbewegung, die Landschaften verbraucht, Stadtbilder ruiniert und der Hälfte der Bevölkerung das Leben verleiden kann. In Städten haben wuchtige PS-Schleudern für mich nichts verloren; Der einzige Punkt, an dem ich ein echter Ökospießer bin. Klingt vielleicht ziemlich verkrampft, aber ich stehe dazu.In hundert Jahren wird man erstaunt auf die Bilder von Staus und voll geparkten Straßen schauen und sich fragen, wie merkwürdig die Menschen mal gewesen sind. Jede dritte Fahrt in Deutschland ist heute kürzer als drei Kilometer. Für Autos wird in Städten fünfmal so viel Fläche verplant wie für Kinder. Eine Tonne Stahl, um einen Menschen von A nach B zu bewegen…
Mit einer Tonne gibt sich der Hummer aus dem Hause General Motors nicht zufrieden. Wer in so einem Pseudopanzer sitzt, bringt mindestens drei Tonnen auf die Fahrbahn – die Eier, Verzeihung, wiegen beim Fahren wahrscheinlich auch noch mal 150 Kilogramm mehr als sonst. Hummer fahren ist eine der letzten Bastionen besinnungslos ausgelebter Männlichkeit. Oder war. Gestern erklärte General Motors-Manager Richard Wagoner Jr., dass der größte amerikanische Automobilkonzern seine Hummerflotte verkaufen will. Passt irgendwie nicht mehr in die Zeit. 2006 wurden noch über 75000 Hummer in den USA verkauft. 2008 waren es bis gestern nicht mal mehr 3000 Stück. General Motors arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Entwicklung eines bezahlbaren Elektrowagens für die breite Masse. Investoren fragen nach Geschäftsmodellen, die hohe Benzinpreise und strengere CO2-Ausstoßgrenzen überleben. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin »Business Week« brachte es vor drei Wochen auf den Punkt: »GM’s Challenge: Live green or die!« Gilt übrigens auch für deutsche Automobilkonzerne.
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10. Juni 2008
Fahnenmehr
Seit das erste Auto mit Deutschlandfahnen auf dem Dach an uns vorbeigefahren ist, fordert meine Tochter schwarz-rot-gold. Tag für Tag zählt sie vorwurfsvoll die Fahnen im Straßenbild (»48, 49, 100«) und fragt mich, wann wir endlich den Balkon beflaggen. Seit sie Zahlen lesen kann, hilft das Preisargument auch nicht mehr. Gestern hat sie Riesenfahnen vor dem Ein-Euro-Shop entdeckt. »Ein Euro, Papa. Nur EIN Euro!!«
Es gibt Dinge, bei denen ich nicht weiß, ob ich dafür zu alt bin oder zu jung. La-Ola-Wellen im Stadion gehören dazu, »Anne Will« gucken oder eben Deutschland-Fahnen kaufen, wenn die hochsympathische Nationalmannschaft bei einem Turnier mal wieder auf dem Weg ins Halbfinale ist. Den zu neunzig Prozent unfassbar uninspiriertem Auto-Design tun die Farbtupfer sicher gut. Man lernt dabei auch viel über seine Stadt, vor allem wenn – wie in Hamburg – Doppelbeflaggung auf dem Autodach beinahe die Regel ist.Die Kombination Deutschland-Türkei hat es ja bereits in die Leitartikelspalten der staatstragenden Zeitungen geschafft. Die Kombination Deutschland-Griechenland sieht man seit heute auch ziemlich häufig. Italienische Fahnen scheinen mir dagegen aus dem Stadtbild etwas verschwunden… Verwegene Kombinationen wie Portugal-Italien oder Rumänien-Schweden (!) habe ich ebenfalls erspäht, sogar trotzig-grenzdebile wie Belgien-Deutschland. Belgien??? War seit gefühlten fünfzig Jahren nicht mehr dabei, wenn es um Pokale ging. Ich bin noch unentschieden, ob ich mich heute wirklich erweichen lassen soll. Die kleinen roten Fahnen, die mal den wirklich großen Aufbruch in eine gerechtere und bessere Welt markierten, sind bei mir noch nicht im Müll gelandet. Was sind dagegen Nationen? Und außerdem fragt meine Tochter bei der EM-Übertragung ständig, welches von beiden Teams denn »der HSV« ist, und hält Deutschland auch immer noch für einen Teil von Hamburg. Vom HSV hat sie eine Fahne. Vielleicht hängen wir die raus. Beim grandiosen Sieg der Niederländer gestern Abend waren schließlich drei Spieler vom HSV dabei.
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12. Juni 2008
(Keine) Fahnenmehr
An diesem Montagmorgen wird der freundliche Mann vom Ein-Euro-Shop seine Auslagen mit besonders heftigem Magengrummeln arrangieren. Seit Mitte April flattern vor seinem Laden mindestens so viele Deutschland-Fahnen wie bei einem CDU-Parteitag. »Ist bald EM!«, rief mir der Mann strahlend zu, wann immer ich an seinem Laden vorbeikam. Andere Länder waren zwar auch vertreten, aber schwarz-rot-gelb dominierte das farbenfrohe Bild. Zur Not hatte er ein paar Dutzend Italien-Fahnen besorgt. »Hier so viele Pizzerias. Gehen auch immer!« Am Freitagmorgen war das Lächeln aus dem Gesicht des Ein-Euro-Mannes verschwunden. Mit aschfahlem Gesicht baute er nach der Blamage der Jogi-Bären seine Fahnen auf. Noch so ein Spiel und er kann damit seine Wohnzimmerkissen stopfen. Am Freitagmorgen waren Deutschlandfahnen so begehrt wie Autogrammkarten von Kurt Beck.
Der Verkauf von Fahnenschmuck bei Fußball-Großereignissen ist eines der letzten Refugien echter Marktwirtschaft. Die Nachfrage wechselt rasant. Eine gekonnte Mischung aus Genie und kühlem Kalkül scheidet die Gewinner und Verlierer auf der Seite des Angebots. Bei der WM vor zwei Jahren waren dem Ein-Euro-Mann zum Achtelfinale die Deutschland-Fahnen ausgegangen. Weil er im Viertelfinale auf die Argentinier setzte, hatte er keine neuen geordert. Das sollte ihm nie wieder passieren. Aber jetzt? »Holland kauft keiner. Wie sieht deren Fahne überhaupt aus? Und Rumänien???« Am Abend wird der Ein-Euro-Mann vor seinem Flachbildschirm sitzen (»Schnäppchen!«) und Stoßgebete nach Wien schicken. Marktwirtschaft kann so grausam sein.
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19. Juni 2008
Special Edition
Die Siebziger sind wieder da: Ölkrise; orientierungslose Männer, die sich die Haare lang wachsen lassen (Mario Gomez); Cordoba (gefühlt); Verzicht auf Hygiene als Waffe im emanzipatorischen Kampf (Feuchtgebiete). Und heute, bei Budnikowsky in der Hamburger Grindelallee, der völlige Flashback: Ein Regal voller »Jute statt Plastik«-Taschen, die »Special Edition« (für Sammler?) zum Preis von 1,99 Euro. Hand genäht in Saidpur, Nord-Bangladesh: »Your purchause means of self support to women with few other employment opportunities.«
»Jute statt Plastik«, das war vor dreißig Jahren mein Einstieg in die Idee des ethischen Konsums. Damals wollte ich mit dem Kauf einer Jute-Tasche ein Zeichen gegen die Plastikwelt setzen und tapfere Frauenkooperativen unterstützen. Mit stimmbrüchiger Penetranz rechnete ich jedem vor, der es nicht wissen wollte, dass uns die Verschwendung von Erdöl ins ökologische Unglück treibt. Leider rissen die Träger, wenn man mehr in die Tasche packte als den »Atomkraft? Nein Danke!«-Jahreskalender und ein Pfund Solidaritätskaffee aus Nicaragua. Den Geruch der sackartigen Taschen nach einem Regenguss habe ich heute noch in der Nase. Im Duftwirbel der Erinnerungen wird er nur vom Dampf des Vanilletees gemildert.Klar, dass ich mir vorhin eine Tasche gekauft habe. Schließlich hatte ich damals sämtliche zerfetzten Resttaschen als Einwickelmaterial für politisch korrekte Geschenke missbraucht (Entschuldigung noch mal an alle Beschenkten von damals!). Die »Special Edition« liegt ähnlich kratzig in der Hand wie die erste Generation der Jute-Taschen, das plumpe Design bleibt angenehm unverändert. Für 1,99 Euro direkt ins modische Abseits, das hat man sonst nur, wenn kik Ramschverkäufe startet. Jetzt hängt die »Special Edition« neben traurigen Leinenbeuteln und mehrfach benutzten Papiertüten im Flurschrank. Die Geschichte wiederholt sich als Farce, lästerte schon Karl Marx. Doch Samuel Beckett schrieb: »Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« »Jute statt Plastik« – vielleicht klappt’s ja diesmal.
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25. Juni 2008
Blumen im Käse
Schönheit begegnet einem an den wunderlichsten Orten: Die Blume, die zwischen den Gehsteigplatten wächst, ist beinahe schon ein Klischee. Oder die Pfütze, in der sich das Strassenlicht spiegelt wie ein Collier; das knallige Grafitti, bei dem einen das Talent des Sprayers anbrüllt; der elegante Oldtimer an der Ampel, aus einer Zeit, in der Autodesign noch von Künstlern und nicht von Windkanalarbeitern gemacht wurde. Der plötzliche Einbruch der Schönheit in unseren Alltag hat etwas Irritierendes. In diese Kategorie gehört es auch, wenn einem beim Einkaufen hinter der Theke oder der Kasse plötzlich Menschen gegenüber stehen, die aussehen als hätten sie gerade ein Modelcasting gewonnen.In einem Hamburger Biosupermarkt verkaufte einige Zeit lang ein junger Mann an der Käsetheke, für dessen Wangenknochen selbst slawische Models töten würden. Diese Mischung aus Clemens Schick und Nikolai Kinski brachte regelmäßig die Biokäsekäuferinnen zu errötenden Verstummen und war überdies auch noch so gottverflucht freundlich, dass man als Mischung aus Meister Propper und Charles Laughton erst recht schlechte Laune bekam. Nach ein paar Wochen war der Mann verschwunden. Wahrscheinlich taucht er nächsten Sommer auf einem Kinoplakat wieder auf.
Während man hinter Gouda und Edamer eher nicht mit ästhetischen Sensationen rechnet, sind hübsche Verkäuferinnen in Konditoreien keine Überraschung. Die gehören zum tortigen Ambiente irgendwie ebenso dazu wie die gepflegte Kosmetikfachverkäuferin im Kaufhaus. Aber der strahlend blonde Lockenkopf, der in der Apotheke Darmflora-Kapseln verkauft, die kleine Schwester von Naomi Campbell, die Spezialreiniger für Holzfussböden verkauft, oder gar die brutal bezaubernde Brünette, die einem lächelnd den »Kicker« zusammenrollt? Und wie fühlen sich diese Blumen zwischen den Gehsteigplatten des Einzelhandels eigentlich?Während meines Studiums verdiente ich mein Geld in diversen Kiosken des Hamburger U-Bahnnetzes. In einem Kiosk teilte ich mir den Job mit einer wunderbaren Romanistin, die sich nach zwei Tagen Angestarrtwerdens von frühmorgendlichen Korntrinkern und Feiertags-Bürohengsten ein T-Shirt drucken ließ. »Ja«, stand drauf, »ich weiß«.
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30. Juni 2008
Schlusspfiff
Irgendwie mag man nicht glauben, dass es das jetzt gewesen sein soll mit der EM. Noch flattern die kleinen Fähnchen an den Autos, noch trotzt die portugiesische Fahne vom Balkon ein paar Häuser weiter tapfer der Realität. Noch fühlt sich alles an wie ein endloser Juni und auch die deutsche Mannschaft spielte gestern ja als gäbe es in drei Tagen noch eine Partie.
Das Gefühl EM wird mir fehlen: Die stolzen türkischen Gemüsehändler, die sich von Deutschfahnenträgern respektvoll zunicken ließen; die Kassiererinnen, die sich die Nationalfahnen auf die Wangen geschminkt hatten; der Biobäcker im Deutschlandtrikot; der sympathisch frustrierte Eisverkäufer aus Italien. Alles schien bisschen leichter zu fallen in diesen Tagen, das nächste Großereignis zum Draufreuen und Drüberreden war nie weiter weg als 72 Stunden.
Noch ein paar Tage Abschminken und Fahnenzusammenrollen und unser Alltags-Deutschland präsentiert sich wieder so uninspiriert wie die Nationalmannschaft am Sonntagabend im Finale: ambitioniert, aber ohne den letzten Biss; egoistisch, ohne echte Liebe zu dem, was man tut; Überheblich und gehemmt zugleich.
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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…
