Fred kauft ein: März 2008

05. März 2008
Alles bio?
Gestern Abend lief auf Phönix eine Dokumentation, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. »Alles bio? Das Geschäft mit den Öko-Lebensmitteln« hieß der Film von Hanspeter Michel, für den er auf Kosten der Gebührenzahler um die halbe Welt reisen durfte. Michel wollte zeigen, wie sich Bio von der Ursprungsidee des kuscheligen Hofes, der nur die engste Umgebung versorgt, zum globalen Business entwickelt hat, bei dem Bioware längst ähnlich industrialisiert hergestellt werde wie konventionelle Ware. Mit dem Habitus eines Enthüllungsreporters versuchte Michel beinahe den ganzen Film über den Nachweis, dass es keinen Unterschied mache, ob Lebensmittel biologisch oder konventionell angebaut werden. Ein Lidl-Manager, der ihm dabei als Kronzeuge diente, behauptete, Bio und konventionell sei im Prinzip dasselbe – die gravierenden Differenzen etwa bei der Tierhaltung, beim Einsatz von künstlichem Dünger oder Pestiziden blieben unerwähnt.
Kronzeuge Nummer 2, der Autor Michael Miersch, der seit Jahren gegen »subventionierte Ökoaktivisten« Sturm läuft, spazierte über einen Markt wie durch eine fremde Welt. Wahrscheinlich kauft bei ihm zuhause die Gattin ein. Dafür durfte er wieder einmal unwidersprochen behaupten, es gebe keine einzige Studie die die Überlegenheit ökologisch produzierter Lebensmittel nachweise. Bei einer spontanen Nachrecherche fand ich über zwanzig.
Die nie durch irgendwelche Fakten gestützte Enthüllungsabsicht von Hanspeter Michel führte ihn bis nach China. Dort sahen wir Landarbeiter, die angeblich keine Ahnung hatten, dass sie Bio anbauten (Was beweist das? Und was heißt »Bio« überhaupt auf Chinesisch?). Wir begleiteten einen Kontrolleur, der auf einem Bio-Hof in China zahlreiche Mängel fand. China – wie wir ja alle wissen, das Land der schlitzäugigen Betrüger. In einem halb verschluckten Nebensatz merkte Autor Michel an, dass dieser von ihm minutenlang gezeigte Betrieb sein Bio-Zertifikat wegen der Mängel verloren hat. Hm. Wo also ist dann das Problem? Eigentlich beweist das Beispiel doch, dass die Kontrollen funktionieren. Warum offensichtlich sehr gründlich geprüfte Bio-Ware nicht aus China stammen sollte, erfährt man nicht.
Der Film führt auch nach Rumänien. Männer, die aussehen als wären sie »Aktenzeichen XY«-Fahndungsplakaten entsprungen, melken Ziegen. Schon eklig das Ganze. Ist das noch Bio? Die Kontrolleurin meint ja und ist sehr zufrieden. Autor Michel grummelt »Die Weiterverarbeitung geschieht in Deutschland« und bleibt misstrauisch. In Rumänien kommt Theo Häni zu Wort, zum Zeitpunkt des Drehs Großinvestor unter anderem bei Basic, was vielleicht wegen der Geschichte mit Lidl ganz interessant gewesen wäre. Hanspeter Michel fragt nicht, schaudert lieber darüber, dass ein Teil unseres Essens aus Rumänien kommen könnte.
Erst zum Ende des Films werden ethische und ökologische Motive deutlich, die weltweit Bauern zum Umstieg auf Bio bewogen haben: Bessere Bodennutzung, Klimaschutz, Artenvielfalt – gern hätte man den Lidl-Chefeinkäufer dazu gehört. Michel glaubt, dass die Zukunft sich zwischen »regionalem Premium-Bio« und dem »Industrie-Bio« aus der ganzen Welt aufteilt. Nur wenn sich der deutsche Verbraucher der Bio-Massenware aus China und dergleichen entgegenstemmt, kann Bio Bio bleiben. Ich werde meine Bio-Ananas und meine Fairtrade-Bananen in Zukunft nur noch aus Brandenburg kaufen.
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08. März 2008
Feuchte Finger
4.32 Uhr. Rauschen. Schummerlicht. Sie hatte vergessen, den Fernseher auszumachen. Als Charlotte die Bettdecke zurückschlug, wehte ihr süße Fäulnis entgegen. Sie machte das Licht an, betrachtete zärtlich das Laken, das mal weiß gewesen war und streckte ihren Zeigefinger aus. Hübsch, wie er da grüngräulich im fahlen Licht der Nachttischlampe schimmerte. Charlotte lächelte und sog die Luft tief ein. »Ich. Liebe. Mich«, flüsterte sie, stupste die Fingerkuppe mit ihrer Zungenspitze an und schloss die Augen. »Ich. Liebe. Mich.«
Und nun zu etwas ganz anderem. Fast. Wer schon mal in einem Bioladen war, kennt die Zeitschrift Schrot&Korn. Ein gut gemachtes Heft für lau, durchaus kritisch, das Bio-Lebensmittel-Fans mit Basiswissen, Produkttipps und Rezepten versorgt, die auf den Bildern leider viel leckerer aussehen als das, was ich daraus mache. Einmal jährlich findet die beliebte Schrot&Korn-Leserwahl zum Bioladen des Jahres statt. Diesmal vergaben 28 000 Teilnehmer Schulnoten für Sortiment, Personal, Sauberkeit oder Frische (im Schnitt eine 1 bis 2). Der deutsche Biokunde ist zufrieden. Mit Ausnahmen. Schrot&Korn lässt auf den Stimmkarten Platz für ganz persönliche Verbesserungsvorschläge.
Die Lektüre erlaubt einen tiefen Blick in deutsche Biokäuferseelen. Einer erregte sich – womit wir irgendwie doch wieder beim Thema sind – über »unhygienisches Personal«, das bauchfrei gekleidet durch den Laden läuft; nicht ahnend, wie unangenehm sich diese Biobaumwollshirts nach der ersten Wäsche nun mal zusammenziehen. Jemand monierte, dass zum Kaffee Milch gereicht wurde – »als ob es keine Menschen mit Milchunverträglichkeit gebe!« Einige schimpften über »fast abgelaufenes Fleisch«, das die Inhaber gleichwohl nicht billiger verkaufen wollen. Und, besonders tragisch: »Es gibt eine tolle Honigprobierbar, aber fast immer sind die Löffel aus.« Ein verbreitetes Problem scheint die mangelnde Freundlichkeit zu sein. In einem Laden ergreifen Inhaber und Gattin regelmäßig grußlos die Flucht, wenn Kunden kommen: »Man schaut lieber auf den Boden oder räumt ganz intensiv Regale ein.« Auch scheint sich eine Tradition erhalten zu haben, die ich noch aus meinem alten Bioladen kenne: »Backwaren werden kommentarlos verkauft, obwohl sie mehrere Tage alt sind«. (Im selben Geschäft, das leider inzwischen dicht gemacht hat, wurde ich aber auch sehr kompetent beraten: »Die Energiebälle würde ich lieber nicht essen. Die hat die Chefin heute selbst gemacht.«)
Doch ein verzweifelter Kundenwunsch passt so gar nicht mehr in diese Zeit: »Bitte Finger nicht mit der Zunge befeuchten, um ein Einwickelpapier wegnehmen zu können« oder mit den »vorher angeleckten Fingern« auch noch die Wurstscheiben arrangieren. Hygiene, guter Mann, »hygiene« schreibt man doch jetzt klein.
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13. März 2008
Schön. Aber doof.
Neulich habe ich festgestellt, dass ich ein Jahr älter bin als Johannes B. Kerner. Mein letzter Geburtstag hat mich eigentlich nicht geschockt, auch nicht die Falten um meine Augen, deren Verästelungen frappierend an den Tokioter U-Bahnplan erinnern. Aber älter als Kerner! Ich will das hier jetzt nicht vertiefen, aber in solchen Momenten beschließen weniger gefestigte Männer meines Alters Jurastudentinnen anzugraben, ihren ersten Triathlon zu laufen – oder ihr erstes Herrenpflegeset zu kaufen.
Als aufgeklärten Lifestyle-Öko führt einen der Weg dabei natürlich nicht zu Douglas oder Karstadt sondern in einen Naturkosmetikladen. Meistens plätschern im Eingangsbereich irgendwelche Zen-Wassergärten, Klangschalengebimmel wabert aus den Lautsprechern wie das Aromaöl aus den Probegläschen und bestürzend gesund aussehende Damen führen einen durch das umfangreiche Angebot. Ich war nach 30 Jahren Wasser, Seife und Rasierschaum für die Glatze kurz davor, mich erstmals auf spezielle Care- und Cleansing-Programmen »for men« einzulassen, als mein Blick auf das Jubiläums-Set von Lavera fiel. Zum 20. gab es Duschgel, die »basis sensitiv Handcreme« und einen Lippenpflegestift in einer »praktischen Kosmetiktasche«, alles schön und günstig, aber diese Tasche!!! Wenn es je etwas gab, was nach »Made in China« roch und aussah, dann das.
Ein Kunstfaser-Material, das sich anfühlte wie schlimmer Rücken und bei dem wahrscheinlich all das zum Einsatz kam, was lavera dankenswerter Weise aus seiner Kosmetik verbannt. Ich sah mir die Packungen anderer großer Hersteller an: mit Kunststofflasur überzogene Pappe, viel Plastik, aufwendige Tübchen und wunderte mich über die Inkonsequenz, mit der die Naturkosmetikindustrie dem Thema Verpackung begegnet. Wann gibt es das erste Rücknahme-Programm, um die mit großen Energieaufwand produzierten Alu-Tuben zu recyceln? Ist die Verwendung von Recycling-Pappe oder kompostierbarem Bioplastik zu viel verlangt für eine Branche, die sich der Natürlichkeit verschrieben hat? Oder gibt es nun mal kein richtiges Leben im falschen? Ich bin dann lieber wieder vor die Tür.
Aber was schmiert sich eigentlich der Kerner ins Gesicht?
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16. März 2008
Dreamboys
Ich habe nichts gegen Schwule, wirklich nicht. Hape Kerkeling, Cary Grant, kann man nix zu sagen. Okay, Guido Westerwelle… aber das ist ein anderes Thema. Trotzdem bin ich ein bisschen sauer auf einen ganz bestimmten Verehrer junger Männerkörper, der mich am Wochenende im Zug von Berlin nach Hamburg in eine seltsame Situation gebracht hat. Die Geschichte beginnt im »Relay«-Zeitschriftenladen des Berliner Hauptbahnhofs, wo ich mich für die Fahrt nach Hamburg mit Zeitschriften eindeckte. Mit dabei, auf dem wieder mal viel zu hohen Stapel, die Werben und Verkaufen wegen eines Artikels zur Ästhetik und Glaubwürdigkeit von Öko-Werbung. (»Muss dreckiger werden«, rät ein Trendreport) Als ich die Zeitschrift im Zug, mitten unter einer dänischen Touristengruppe sitzend, aus der Tasche zog, fiel ein Hochglanzblättchen heraus, auf dem ein junger Mann mit gelangweiltem Gesicht sein schlaffes Gemächt ausstellte. Dreamboys. Junge Männer die scharf machen stand auf dem Cover und die Dänen starrten mich an, als hätte ich mir grad selbst die Hose heruntergezogen.Mein Gesicht verfärbte sich ampelrot – ich neige zur Spontanerrötung, auch wenn eigentlich kein Anlass dafür besteht. (Eigentlich werde ich nur dann nicht rot, wenn ich Grund dazu hätte.) Hastig hob ich das Heft auf, blätterte Geistes verlassen ein paar Seiten. Die Dänen starrten verwirrt in die brandenburgische Landschaft. Ich schob Timothy, Cody, Jack und Joey, die übrigens eins zu eins dem Beuteschema des grandios gestrandeten Boygroup-Impresarios Lou Pearlman entsprachen, unter den Stapel und wartete bis mein Gesicht wieder winterblass wurde. Inzwischen schauten die Dänen erwartungsvoll zu mir. Hielten sie mich für den stark übergewichtigen Jungsgrabscher Pearlman, der ja auch in Deutschland seine letzten freien Tage verbracht hatte, bevor er wegen Betrugs in den Knast gewandert war? Fürchteten sie um ihre Unschuld? Erwarteten Sie einen Striptease?Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so vertieft in Werben und Verkaufen lesen würde. Nach einer gefühlten Stunde schauten die Dänen wieder aus dem Fenster. Wir waren längst in Mecklenburg und ich überlegte, was mir dieser Vorfall sagen sollte. Ich hätte nichts dagegen gehabt, für schwul gehalten zu werden, weiß Gott nicht. Aber die Mischung aus heimlich schwul (Heft in einer Zeitschrift verstecken) und trottelig behagte mir so gar nicht. Irgendwie Westerwelle. Und ich dachte an den Werber, der sonst bestimmt irre »abgedrehte« und »crazy« Kampagnen einfordert, aber am Berliner Hauptbahnhof heimlich Schwulenhefte in Fachmagazine versteckt, bevor er sich traut, sie durchzublättern. Und dann natürlich zu feige ist, sie wieder zurückzulegen.Im Nachhinein bin ich natürlich erleichtert, dass man mich mit den Dreamboys in der Werben und Verkaufen nicht schon an der Kasse erwischt hat und ich diesen Blog in »Fred sitzt ein« hätte umbenennen müssen. Andererseits: Vielleicht habe ich ja einen Dänen, der noch eine lange Reise vor sich hatte, an diesem Samstagabend so richtig glücklich gemacht – sollte er sich getraut haben, die auf meinem Sitz zurück gelassene Le Monde Diplomatique mal so richtig durchzublättern…
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20. März 2008
Kachelabteilung
Manchmal muss man dahin, wo es wehtut. Was für Mittelstürmer gilt, stimmt erst recht für Konsumforscher, die das Serviceland Deutschland erkunden wollen. Will man die ganze Wahrheit erfahren, kommt man um einen Besuch der »Kachelabteilung« in deutschen Geschäften nicht herum. Japaner wissen, dass die sanitären Anlagen eines Kaufhauses die versteckte, aber umso wirksamere Visitenkarte des Hauses sind. Vor den entsprechenden Türen grüssen adrett gekleidete Damen mit blitzweißen Handschuhen und taktvollem Kopfnicken. Die Toilettensitze sind wahlweise beheizbar. Großhygieniker können ihn vorab mit einer Desinfektionslösung besprühen und glattwienern lassen, damit sich auch garantiert keine feindliche Mikrobe ins Körperinnere verirrt. Die Wände sind schalldicht. Auf den glänzenden Böden könnten Sushimeister ohne Qualitätsverlust ihre segensreiche Arbeit verrichten. Die Idee, Waren zu verkaufen, ohne seinen Kunden für Notfälle ein gepflegtes stilles Örtchen anzubieten, käme Japanern so absurd vor wie der Verzicht auf die Registrierkasse. Dass sich H&M oder Zara hierzulande Kundentoilettengleich ganz sparen, regt seltsamerweise keinen auf. In deutschen Kaufhäusern gibt es sie wenigstens noch. Aber fragen Sie dort bloß nicht nach dem »Klo«, sonst werden sie angesehen als wollten Sie Ihr Geschäft gleich hier, an Ort und Stelle verrichten. Fragen Sie lieber: »Wo kann ich denn meine Hände waschen, ich würde gern mal ihre Sonderangebote anfassen?« Wenn Sie eine Viertelstunde später herausbekommen haben, was »Dahinten« zu bedeuten hatte, stehen Sie meistens vor einer fleischigen Sanitärfachkraft, die wortlos drohend einen Teller voller Münzen vor sich hinschiebt. Zehn- und Zwanzig-Cent-Stücke hat die Dame aussortiert, damit Sie nicht auf die Idee kommen, weniger als 50 Cent zu geben. Natürlich vorher. Machen Sie jetzt bitte nicht den Fehler und fragen beim Rausgehen, ob es für 50 Cent nicht auch Handtücher oder gar Seife geben sollte. Denn das, was – wenn überhaupt – in deutschen Kaufhäusern aus dem Seifenspender kommt, würde sich nicht mal Charlotte Roche hinter die Ohren schmieren. Und erzählen Sie bitte auch nicht, dass jemand auf der Klobrille sein Haarteil vergessen hat. Das war kein Haarteil.
Im Hinblick auf die sanitäre Versorgung verzweifelter Kunden hat uns auch die Bio-Revolution nicht wirklich voran gebracht. Biosupermärkte, die nun mal häufig von Familien mit unkontrollierbarem Verdauungsverhalten heimgesucht werden, sind da wahre Servicewüsten. Als meine damals vierjährige Tochter in einem Hamburger Erdkorn-Supermarkt mal ganz dringend musste, wurde ihr der Notfall-Zugang auf die Toilette barsch verwehrt. »Nur für Angestellte!« Sie könne doch auch »vor der Tür machen«, sie sei ja noch klein. Vielleicht war ja schon die bloße Frage eine Zumutung, da man schließlich mit jedem Toilettenbesuch den ökologisch angemesseneren Gang zum Komposthaufen verweigert. Der Fairness halber muss man anmerken, dass die brummige Erdkorn-Verkäuferin so aussah, als würde sie nach Geschäftsschluß in der Mitarbeitertoilette wohnen. Sie verteidigte also lediglich ihre Privatsphäre. Eine Bekannte von mir hat sich bei Erdkorn mal aufs Mitarbeiterklo geschlichen, nur mal so, zu Recherchezwecken. Und tatsächlich: »Die nehmen nicht mal Recyclingpapier!«
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27. März 2008
Eierkartons
Gehören Sie auch zu den Tüten-Wiedergängern? Jenen sparsamen Mehrfachbenutzern mit den gefalteten Plastiktüten im Wandschrank, die sich eher scheiden lassen oder ihren Lieblingsverein wechseln würden als eine Aldi-Tüte wegzuwerfen? »Hält doch noch!« Dann kennen Sie bestimmt die mitleidigen Blicke, wenn man an der Kasse das zerknitterte Etwas herausholt, um die Einkäufe zu verstauen. »Hartz IV«, hört man die Kunden hinter sich tuscheln, »nicht mal ein neuer Beutel ist drin.« Da ich meine Einkäufe häufig in ästhetisch verheerender, aber spielplatzfester Kleidung absolviere, weil ich hinterher meine Tochter vom Kindergarten abhole, erwarte ich eigentlich täglich, dass mir jemand aus Menschenliebe einen Euro in die Hand drückt. »Sie schaffen das schon!«
Heute war ich so nah am Mitleids-Euro wie noch nie: Fünftagebart, eine Trainingshose, der man ansieht, dass der Träger nicht mehr trainiert, Knüll-Tüte von H&M und ein gebrauchter Eierkarton, jawohl, ein Eierkarton. Den hatte man vor ein paar Jahren immer mit dabei, wenn man Eier kaufen wollte. Wenn nicht, schaute einen der Eiermann am Marktstand an, als hätte man gerade einen Stapel der Güteklasse A umgeworfen und ein Dotterdebakel angerichtet. Unwillig rückte der Eiermann auf Nachfrage einen Karton aus seinen kostbaren Vorräten heraus, natürlich eingerissen. Nur mit viel Glück gab’s ein Gummiband dazu.
Eier also. Im Biosupermarkt, meinem ersten Ziel heute, stapelten sich frisch bedruckte 6er und 10er-Packs. »Ich würde gern meinen Karton nachfüllen«, fragte ich eine Frau im Kittel. »Wir verkaufen die nicht einzeln«, brummte die Nachpackerin, die gerade die frischen Milchtüten vor die alten stopfte. »Ich will ja auch sechs nehmen. Dann ist der Karton voll. Ich brauche nur keinen neuen. Ist doch Verschwendung.« Sie starrte mich ratlos an. »So’n Karton kostet doch nix.« Normalerweise wäre ich jetzt in den kleinen Naturkostladen ein paar Straßen weiter gegangen, der zwar in Sachen Eier ein kleines Frischeproblem hatte, dafür einem aber freudig die mitgebrachten Kartons auffüllte. Aber der war schon länger dicht. Wahrscheinlich hatte der Besitzer irgendwann unten im Eierstapel ein Dinosaurierei entdeckt, es an ein Museum verkauft und sich in den sorglosen Ruhestand verabschiedet.
Also blieb nur der Markt. Hinter einer Barrikade aus braunen und weißen Eiern stand eine freundliche Dame. »Sechs Stück, bitte«, sagte ich und streckte ihr meinen Karton entgegen. Sie schaute mich mitleidig an. »Soll ich ihnen die weißen, günstigen reinpacken? Die sind aber aus dem Käfig.« »Nein, nein, das geht schon noch. Freiland bitte.« »Ich könnte ihnen auch zehn zum Preis von neun…« »Nein, wirklich. Sechs Stück reichen.« Gespannt starrte sie auf meine Brieftasche. Ich zählte 1,50 Euro ab und ließ zwei 50-Euro-Scheine herausblitzen. Sie zuckte zusammen, fing sich aber schnell. »Eine Tüte«, sagte sie und grinste, »haben sie sicher dabei.«
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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…
