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Fred kauft ein: Mai 2008

17. September 2008 von Fred  
Abgelegt unter Kolumne

Archiv der Kolumnen von Fred Grimm

07. Mai 2008

Die Zyniker

Wir leben in zynischen Zeiten. Und nichts erregt Zyniker mehr als Menschen, die sich überlegen, wie sie die Welt ein kleines bisschen besser machen können. Früher hatten die Zyniker vielleicht selbst mal Ideale. Oder sie sind intelligent genug, um im tiefsten Innern zu ahnen, dass all die peinlichen Gutmenschen, all die ökologisch und sozial Bewegten, die die Welt gern grüner und gerechter hätten, am Ende vielleicht doch so Unrecht nicht haben.

Ich hätte nie gedacht, dass so viele Journalisten so aggressiv auf jenen Typus reagieren, den Marktforscher »Lohas« nennen und Berufszyniker die »seichtgrüne Biohème«: Im Prinzip sind das harmlose Menschen, die gern gesund leben und der Welt nicht mehr nehmen wollen als sie verkraften kann. Menschen, die überlegen, wie sie Energie oder Verpackungsmüll sparen können, die aus Prinzip Fairtrade-Kaffee kaufen, Biobaumwoll-Shirts tragen und sich über neue (noch viel zu wenige) Produkte freuen, die Design und Bewusstsein zusammenbringen. Wahlweise sind solche Menschen in den Augen der Zyniker verbissene Ökospießer, naive Träumer oder reiche Selbstverwöhner, bei denen Bioprodukte zum privaten Wellness-Programm gehören.

Eine Art zynisches Manifest erschien grad ausgerechnet im sonst eigentlich sehr intelligenten SZ Magazin. Unter dem Titel »Das Prinzip Öko-Lifestyle« widmet sich der Autor Andreas Bernhard darin der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Lifestyle und Ökologiebewegung: »Die Begeisterung für den „grünen Lebensstil“ dient in erster Linie zur Linderung eines kollektiven Identitätskonflikts der 35-Jährigen; unter diesem Banner soll es gelingen, die widerstreitenden Stränge der eigenen Biografie in Einklang zu bringen, das Ichzentrierte der Karriereexistenz und die Verantwortungsbereitschaft des neuen Familienlebens.« Man muss das mal kurz auseinanderbröseln und vielleicht auch übersetzen. Die 35jährigen, die jetzt alle grad Kinder bekommen, geraten in einen Konflikt, weil sie im Job nur an sich denken und in der Familie plötzlich auch an andere. Um den Konflikt zu lösen, trinken sie Bionade und tragen T-Shirts von American Apparel. Andreas Bernard hat auch in der Zeitschrift IVY geblättert und analysiert knallhart: »Der Unterschied zu herkömmlichen Lifestyle-Erzeugnissen scheint in den Artikeln über Produkte, Designer oder Läden allein darin zu bestehen, dass sich die eingeschobenen Adjektive geändert haben. Die angepriesenen Schuhe oder Möbel sind nicht mehr »schlicht«, »elegant« oder »glamourös«, sondern »fair«, »bio« und »nachhaltig«. Bewusstsein ist das Must-have-Accessoire der Saison.«

Das liest sich flockig. Bewusstsein als Assecoire, das geht vorüber, im nächsten Jahr sind vielleicht wieder Landhaus-Stil oder Futurismus dran. Der Grundzug des Zynismus ist eine Alles-Egal-Mentalität, die alles und jeden durch den gleichen Wortwolf dreht. Die Gleichsetzung von »schlicht«, »elegant« oder »glamourös« mit Adjektiven wie »fair«, »bio« oder »nachhaltig« ist mindestens so oberflächlich wie das, was Bernard den Öko-Lifestylern vorwirft. Denn während Begriffe wie »elegant« oder »glamourös« unter wertendem Wortgeklingel einzuordnen wären, stehen »bio«, »fair« oder »nachhaltig« für inhaltlich klar definierte Eigenschaften.

»Bio« wird in einem transparenten und durchregulierten Prozess zertifiziert ebenso wie die Vergabe des Fairtrade-Siegels an ganz konkrete Bedingungen geknüpft ist. »Nachhaltig« schließlich entspricht einer ganz bestimmten Art des Wirtschaftens, eines verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen und Energie; ein ökonomisches Modell, das ökologische Erwägungen an die erste Stelle setzt. Das kann man gut finden oder schlecht, aber in allen drei Begriffen – »bio«, »fair« oder »nachhaltig« – steckt eine bestimmte Haltung, die nichts mit Mode, aber viel mit unserer Sehnsucht zu tun hat, eine Welt im ökologischen Gleichgewicht zu hinterlassen. Eine Sehnsucht, die übrigens nicht nur 35jährige Karrieristen mit Familie in sich tragen. Dass man sich, getrieben von dieser Sehnsucht, für ein T-Shirt aus ökologisch angebauter Baumwolle entscheidet anstatt für eines, bei deren Herstellung Menschen und Böden vergiftet werden, dass man lieber einen Fairtrade-Kaffee kauft, weil die Erzeuger dafür gerechtere Preise bekommen, dass man lieber Ökostrom bezieht als den Kohleschleuder-Betreibern das Geld nachzuwerfen, dass man sich freut, wenn es Möbel aus Recycling-Hölzern gibt, für die keine neuen Bäume gefällt werden müssen – das alles ist Öko-Lifestyle. Aber, was bitte ist daran so schlimm?

»Kategorien wie „Haltung“, „Ethik“, „Verantwortung“ werden zu Produkten«, verzweifelt Bernard im SZ Magazin weiter und man fragt sich, ob er nackt durch München läuft, weil er prinzipiell keine Kleidung kauft (»Produkte«) und nie etwas isst. Jede unserer täglichen Konsumscheidungen hat eine indirekte moralische Dimension. Ob wir Fleisch aus artgerechter Haltung kaufen oder nicht. Ob wir einen Getreideanbau unterstützen, der Böden und Artenvielfalt schützt oder nicht. Ob uns die Arbeitsbedingungen, unter denen unsere Kleidung hergestellt wird, egal sind oder nicht. Das »Prinzip Öko-Lifestyle« ist auf all diese Fragen die beste Antwort.

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12. Mai 2008

Ampelkoalition

Gehören Sie zu den Menschen, die beim Einkauf auf der Packung nachlesen, was drin ist? Die Lektüre ist auf jeden Fall erhellend. Zum einen bestätigen diverse Inhaltsstoffe mit unaussprechlichen Namen und verwirrenden Zahlenkombinationen die Leistungsfähigkeit unserer Lebensmittelchemiker. Zum anderen den Einfallsreichtum unserer Nahrungsmittelindustrie. Eigentlich soll die Packungsaufschrift einen ganz simplen Zweck erfüllen: Uns, dem Verbraucher, erklären, was drin ist. Im Idealfall errechnen wir daraus unseren jeweiligen Nährwertbedarf, gönnen uns vielleicht die eine oder andere zuckerfette Sünde und schweben mit unseren durchtrainierten, ideal versorgten Körpern zur Kasse.

Weil wir aber zum Großteil keine Ernährungswissenschaftler, sondern begeisterte Sünder sind, sollten die Packungstexte neben absoluter Transparenz auch gewisse Leitlinien für gesundes Essverhalten vermitteln. Doch der Wille zur Transparenz ist in der Lebensmittelindustrie ungefähr so weit verbreitet wie Menschlichkeit in der burmesischen Regierung. Die meisten Aufschriften kann man nur mit der Lupe erkennen. Gerade erst urteilte ein Gericht, dass ein Millimeter Schriftgröße für die Inhaltsstoffe eines Tiefkühlapfelkuchens ein bisschen arg klein geraten war. Was die Rückschlüsse auf unser Essverhalten anbelangt, so hat sich in Deutschland eine Kennzeichnung etabliert, mit der man eher gar nichts anfangen kann. So geht die deutsche Lebensmittelindustrie zum Beispiel davon aus, dass unser täglicher Zuckerbedarf bei 90 Gramm liegt (Ernährungsfachleute sprechen eher von 30 bis 40 Gramm). Packungen mit stark zuckerhaltigen Lebensmitteln werden einigermaßen willkürlich auf kleine »Portionen« heruntergerechnet und plötzlich entspricht die Zuckerbombe »dem halben Tagesbedarf an Kohlehydraten«. Bei Fett oder Salz ist es ähnlich. Wenn man etwa liest, was auf Chips-Packungen so steht, wundert man sich, dass man die Sachen im normalen Supermarkt und nicht in der Apotheke bekommt, so nahrhaft ist das Zeug angeblich.

Jetzt müsste ich eigentlich irgendwie die Kurve bekommen und ein flammendes Plädoyer für die Ampelkennzeichnung halten, die honorige und kluge Fachleute seit langem fordern und nach jüngsten Umfragen 82 Prozent der Deutschen wünschen. In Großbritannien fährt man ganz gut damit. Der Salz-, Fett- oder Zuckeranteil wird nicht mehr in geheimnisvollen Mikrogrammzahlen ausgewiesen, sondern in rot (zuviel), gelb (geht so) oder grün (okay) klassifiziert. Wer übergewichtig ist und wissen will, wo die Ringe an den Hüften herkommen, macht einfach einen Bogen um die Produkte, deren Fettanteil rot markiert ist. Eltern, die sich wundern, dass ihr Kind beim Zahnarzt immer Löcher hat, werden staunen, wie viele rote Ampeln auf den Lieblingsjoghurts und Frühstück-Flakes ihrer Kinder leuchten. Natürlich findet »Verbraucherminister« Horst Seehofer, der sich in alter Unionstradition eher den Unternehmen verpflichtet weiß als den Konsumenten, die Idee gar nicht gut. Man solle »keine Produkte diskriminieren« und der Industrie keine »neuen Lasten« aufbürden, lautet die Verteidigungslinie. Außerdem sollte man eine »gesamteuropäische Lösung« abwarten, was so viel heißt wie »Vergesst es!« Wäre ja noch schöner, wenn man die ganzen Dick- und Krankmacher im Supermarktregal plötzlich mit einem Blick erkennen könnte. Dass in Großbritannien die ersten Firmen begonnen haben, die Zusammensetzung ihrer Produkte zu ändern, um der roten Ampel zu entgehen, spräche ebenfalls für die britische Lösung. Und doch, ganz subjektiv und wahrscheinlich wider alle Vernunft: Mich haben schon die Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen gestört. In den vergangenen Jahren hat ihre Größe zugenommen, teilweise muss man drastische Bilder von Krebs befallenen Lungenflügeln sehen. Zigarettenwerbung wurde aus Zeitschriften verbannt, was vielen hoffnungsvollen Journalisten die berufliche Existenz verhagelte. Je lauter und schriller die Botschaft der Kampfnichtraucher wurde – je mehr wunderte ich mich: Gab es in den vergangenen zwanzig Jahren irgendeinen Raucher, der sein Tun für gesund hält? Genauso frage ich mich heute: Gibt es irgendeinen Menschen, der glaubt, Chips fressen macht schlank, drei Tafeln Schokolade am Abend verbessern den Schlaf und Coca Cola ist genau das richtige Getränk, wenn man mal einen Marathon laufen will? Wo ist eigentlich die Eigenverantwortung der Konsumenten geblieben, trauen wir uns nicht mehr selbst zu, zu entscheiden, was gut oder schlecht für uns ist?

Das geballte Puritanertum, das in der Debatte um die Lebensmittelkennzeichnung aufscheint, behagt mir nicht. Alles, was Spaß macht, ist entweder verboten oder macht dick, heißt ein geflügeltes Wort. Eine Welt, in der in Bars nicht mehr geraucht werden darf, in der Menschen ihre geächteten Chips unter dem Ladentisch kaufen wie früher ihre Pornohefte, in der Frauen nicht mehr wiegen dürfen als Heidi Klum und Männer aussehen müssen wie Brad Pitt, eine Welt, in der wir alle Fahrradhelme tragen und durch ein immer ausgeklügelteres System von Warnhinweisen um geleitet werden, ist nicht die Welt selbstbewusster und eigenverantwortlicher Erwachsener.

Daher meine simple Bitte: Schreibt einfach lesbar drauf, was wirklich drin ist (auf 100 Gramm gerechnet), hängt Broschüren in den Supermärkten aus, damit jeder nachlesen kann, was die Inhaltsstoffe einem antun können und was er essen sollte, wenn es ihn interessiert – und baut endlich viele, viele Ganztagsschulen mit wunderbaren Küchen, in denen unsere Kinder richtig essen und genießen lernen. Es muss nicht immer eine Ampel sein. Manchmal reicht auch ein Zebrastreifen….

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14. Mai 2008

Generation Roche

Die oft beschworene Einsamkeit der Großstadt ist ein Mythos. Jedenfalls beim Einkaufen. Nur in der Bahn bekommt man ungewollt mehr Handygespräche mit als man möchte, aber die – »Hallo? Haaallooooh?« – sind wenigstens schnell vorbei. Und nur im Schwimmbad sieht man mehr Dinge, die besser verborgen geblieben wären – aber da kann ich (minus zehn Dioptren) ja die Kontaktlinsen weglassen. Aber gegen die offen ausgelebte Intimität in Supermärkten und Geschäften hat man keine Chance. Vor allem die Neigung mancher Menschen, Umstehende zu unfreiwilligen Zeugen ihrer Beziehungs-, Ernährungs- und sonstiger Lebenskrisen zu machen, verleidet mir so manchen Einkauf. Kaum klingelt das Handy, wird ruckartig gebremst und wild geschimpft, wenn man aus Versehen von hinten in den Bremser fährt. Und dann wird das Handy beschrieen (man ist ja weit weg). »Die Votze kann mich mal, ey!«, stammelte neulich ein stämmiger Rückenhaarträger im Unterhemd in sein Mobilfon und verschonte die ungewollten Mithörer auch nicht mit seinem Fazit: »Votze ey, wirklich!«

Eine junge Dame mit blondem Pudelhaar diskutierte in der Kosmetikabteilung lautstark mit einer Freundin, welcher Rasierschaum und vor allem welche Klingen sich am ehesten für die Intimrasur eigneten. »Nee, scheiße du, da habe ich mich neulich voll geschnitten!« Generation Roche. Mütter besprechen angeregt die Verdauungstätigkeit ihrer Kleinen unter besonderer Berücksichtigung des Farbverlaufs. »Bei meinem ist das immer so grüngelb. Meinst du wir müssen mal zum Arzt?« »Ich wär’ ja froh, wenn überhaupt mal was kommt. Manchmal macht Jeremias drei Tage kein PuuPuu.«

PuuPuu. Intimrasur. Votze. Da ist man fast schon erleichtert, wenn es nur um die nächste fehlgeschlagene Diät geht. Neulich blockierte eine Frau, die aussah wie Dirk Bachs verheimlichte Schwester, das Süßwarenregal, weil sie von ihrem Handy wissen wollte, welche Schokolade denn nun »»die wenigsten Karolinen« hat: »Bitter macht doch nicht dick, oder?« Will ich alles gar nicht wissen. Auch nicht, welcher Erdbeerjoghurt bei Ökotest am besten abgeschnitten hat (»Such doch mal. Ich glaube, das Heft liegt auffem Klo!«) oder ob Gisele bei »Germanys Next Top-Model« noch dabei ist (»Ich glaub’s nicht, die alte Ziege!«).

Vor allem, wenn die Menschen noch unverzagt weitertelefonieren, wenn sie an der Kasse längst dran sind. Neulich blökte einer vor mir die Kassiererin an, weil sie es wagte, ihn an die Zahlung zu erinnern. »Gleich Alte, keine Hektik!« Upps, da rutschte mir doch glatt der schwere Einkaufswagen nach vorn… »Sorry, Alter«, entschuldigte ich mich. »Keine Hektik, oder?«

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18. Mai 2008

Die Giftzwerge

Es wird wieder eine dieser EU-Sitzungen werden, die keine Schlagzeilen machen. Eine, deren Ergebnisse wir alle zu spüren bekommen, und bei der man sich hinterher fragt, warum man vorher eigentlich nichts darüber erfahren hat. Am Montag, den 19. Mai treffen sich in Brüssel die Agrarminister der EU und beerdigen – im Verborgenen – ein Stückchen europäische Demokratie. Vor einem halben Jahr hatte sich das von den Bürgern Europas gewählte Parlament darauf geeinigt, endlich den massiven Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft einzuschränken. Ein Beschluss mit ausdrücklicher Zustimmung der EU-Kommission, die ja so etwas wie unsere europäische Regierung sein sollte.Pestizide sind Gifte zur Ausrottung so genannter Pflanzenschädlinge. Die chemische Industrie hat für ihre Produkte den beinahe obszön verharmlosenden Namen »Pflanzenschutzmittel« etabliert – allein am Einsatz dieser »Pflanzenschutzmittel« in der Baumwollproduktion sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich über 20 000 Menschen.Pestizide stehen unter Verdacht Krebs- und Nervenkrankheiten auszulösen. Jüngere Studien ergaben einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und der Verbreitung von Parkinson. Angeblich kann die Landwirtschaft auf den Einsatz dieser Gifte, die weit mehr ausmerzen als nur die Schädlinge, nicht verzichten.

Jeder Bioapfel, jede Biobanane, jeder Biosalat, der ohne chemische »Pflanzenschutzmittel« produziert wird, straft solche Thesen Lügen. Doch der Verkauf von Pestiziden ist für Firmen wie Bayer oder BASF ein Milliardengeschäft. Und wie das mit Milliardengeschäften so ist – das Ohr so genannter Verbraucherminister wie Horst Seehofer gehört den Lobbyisten solcher Firmen. Angeblich werden wir kein Obst oder keine Kartoffeln mehr essen können, wenn der demokratische Beschluss des EU-Parlaments zum Schutz der Bevölkerung vor dem Gifteinsatz in der Landwirtschaft bestehen bleibt, heißt es.Am Montag werden die EU-Agrarminister auf Druck nicht zuletzt der deutschen Delegation beschließen, Pestizide, die Krebs erregen oder die Fortpflanzungsfähigkeit schädigen können, wieder oder weiterhin zuzulassen. Natürlich innerhalb gewisser Grenzwerte, wobei Fachleute generell von der Verwendung bestimmter Pestizide in der menschlichen Nahrungskette abraten. Grenzwerte für einzelne Pestizide sind ohnehin absurd, weil in der Regel diverse unterschiedliche der abertausenden Wirkstoffe zu einem Cocktail vermengt werden. Um die Absurdität an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, es ist verboten, mehr als ein Glas eines bestimmten alkoholischen Getränks zu sich zu nehmen. Aber man erlaubt ein Glas Wodka plus ein Glas Kornplus ein Glas Brandy undsoweiter.Noch charmanter ist die Idee der EU-Agrarminister, den Giftmischern »Datenschutz« zu gewähren. Aus Wettbewerbsgründen. Im Klartext: Firmen wie Bayer, Monsanto oder BASF dürfen weiterhin Studienergebnisse über mögliche Gesundheitsgefährdungen, Erkenntnisse über verunreinigte Produkte oder Umweltzerstörungen unter Verschluss halten. Übrigens soll auch der Haftungsschutz bestehen bleiben – sprich: wenn die gesundheitlich nach Industrieangaben ja so unbedenklichen Pestizide vielleicht doch mal gesundheitsgefährdende Auswirkungen haben sollten, zahlt natürlich der Staat die Folgen. Also wir.Ein Lehrstück über aktive Industriepolitik in Europa, von dem man am Montag weder in der Tagesschau noch in den RTL-Nachrichten hören dürfte.

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20. Mai 2008

Die Giftzwerge Teil 2

Nein, diese Sitzung der EU-Agrarminister am gestrigen Montag war wirklich kein Fall für die »Tagesschau«. Es ging ja auch nur darum, ob die Landwirtschaftsminister aus 27 Mitgliedsländern es tatsächlich wagen würden, das Totalverbot für krebserregende, erbgut- oder fortpflanzungsschädigende Pestizide auszuhebeln oder nicht. Die EU-Kommission und das von den Bürgern Europas gewählte Parlament hatte sich aus nachvollziehbaren Gründen dafür ausgesprochen. Die Industrie, die mit ihren Giften Milliarden verdient, dagegen.

Um es kurz zu machen: Die 27 Minister haben sich um das Totalverbot herumgedrückt und ihre Entscheidung einfach vertagt. Eine zweischneidige Geschichte. Gut, dass es dann doch nicht gelungen ist, das vom EU-Parlament beschlossene Totalverbot für nachweisbar schädliche Pestizide in der Landwirtschaft vom Tisch zu wischen. Schlecht, dass sich die Minister nicht einfach an den Interessen von Millionen Verbrauchern orientieren und das Verbot unterstützen. Demnächst mehr.

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27. Mai 2008

Erdbeersommer

Die Erdbeere hat auf. Sie steht gegenüber dem besten Hamburger Kino, dem Abaton, direkt an der Kaffeemeile im Uni-Viertel, wo man im Umkreis von 200 Metern 28 verschiedene Arten Milchkaffee trinken kann. An einem ganz bestimmten Tag im Jahr, so Ende Mai, steht das erdbeerfarbene Verkaufshäuschen der Erdbeerfamilie Glantz plötzlich da und man weiß, der Sommer beginnt. Meistens dauert es dann noch ein paar Tage, bis endlich die Rollläden hochgehen und die ersten Erdbeerschalen verkauft werden. Ende Mai sind die Früchte o-kay, aber die lange Zeit der Vorfreude treibt einen bereits täglich an den Stand. Im Juni, wenn das Wetter schön ist, werden die Früchte immer süßer und man riecht den Erdbeerstand schon von weiten. Dann ist der Sommer wirklich da.

Im Juni prägen die Erdbeerwürfel das Hamburger Stadtbild. Das Erdbeeraroma gehört in diesem Monat zur Stadt wie die Abgase der Motorroller und das Nachmüffeln des berüchtigten norddeutschen Sommerregens. Meistens kaufe ich ein Kilo, an guten Tagen zwei. 500-Gramm-Packungen sind für Sissies. Nach den ersten euphorischen Erdbeerwochen mischt sich Melancholie ins Verkaufsgespräch. Wie lange sie wohl noch aufhaben? Damit der Erdbeersommer ein wenig länger dauert, hat Glantz neue Sorten ins Programm aufgenommen, solche, die noch Anfang August geerntet werden können. Aber das ist nicht dasselbe. Die schmecken wie Märzerdbeeren aus Spanien.An einem Tag im August bleiben die Rollläden plötzlich zu. Man schaut dann noch zwei, drei Mal vorbei, könnte ja sein, dass die Verkäufer nur krank geworden sind und morgen wieder öffnen. Doch sie kommen nicht wieder. Dieses Jahr nicht mehr. Und der Sommer ist endgültig vorbei.

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Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Fred kauft ein: Mai 2008”
  1. Gast sagt:

    Bei all der zynischen Kritik muss man sich aber vor Augen führen, dass die breite Masse es sich bei den heutigen Hungerlöhnen kaum leisten kann, ihren Kaffee von Fairtrade Partnern zu kaufen.

    Die es können, lösen das Problem nicht. Als ob sich Wachstumsmärkte wie China und Indien (die zusammen fast die halbe Weltbevölkerung stellen) sich nicht für sowas interessieren kommt noch dazu.

    [Anm. d. Red.: Die URL ist ok, aber bitte keine Keywords als "Name". Oder steht das so in deinem Ausweis?? Darum geändert in Gast]

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