Fred kauft ein: November 2007

3. November 2007
Leinenzwang
In meinem Flurschrank hängt ein großer Sack voller Tüten. Vor jedem Einkauf stehe ich davor und überlege, welche ich mitnehmen soll. Natürlich ist völlig klar, dass ich als braver Bürger jede Tüte wie ein kostbares Geschenk behandle, das länger leben soll als der Hund unserer Nachbarn. Viele Tüten sind aus Papier, einige leider aus Plastik und dann sind da noch die Leinenbeutel für das gute Gewissen. Die, die immer so vorwurfsvoll an der Kasse hängen, direkt über den appetitlich leuchtenden PVC-Tüten; meistens mit einem Griff, der zu lang ist für die Hand und zu kurz für die Schulter. An sich ja eine gute Idee: Man verweigert sich standhaft dem Geist der Verschwendung und fügt den abermilliarden, zu ewigem Leben verdammten Plastiktüten nicht auch noch eine überflüssige dazu.
Stattdessen stopft man brav seine Einkäufe immer wieder in den einen Leinenbeutel, der einen als Ressourcen schonenden Gutmenschen ausweist und nach jahrelangem Gebrauch klaglos zerfällt. Leider sehen die meisten dieser Beutel aus als wären sie das Endprodukt einer Kompostierung und nicht ihr verheißungsvoller Beginn. Bei der letzten Zählung in meinem Flurschrank kam ich auf acht Leinenbeutel und einer wirkte deprimierender als der andere. Die klotzige Typographie schien von Kartoffeldruckverfahren inspiriert. Dazu als Aufdruck – offensichtlich unvermeidlich im Beutelgenre – Sonnen- oder Regenbogenmotive; außerdem Bilder von Wiesen, die nach dem verlangten Mehrfachgebrauch des Beutels eher aussahen wie winterliche Leichenfundstellen in einer Folge von „Aktenzeichen XY“.
Am schlimmsten sind die Beutel, die Drogerien ihren umweltbewussten Kunden aufzwingen. Für einen Euro macht man sich zum Werbeträger eines visuell fragwürdigen Logos, das in den meisten Fällen das Delikt der optischen Umweltverschmutzung erfüllt. Manchmal springt auch ein heiteres Tierchen auf dem Druck herum, das den volkspädagogischen Anspruch der Beutelphilosophie auf den noch nicht schulfähigen Teil der Bevölkerung unterstreicht. Während ich diesen Text schreibe, liegen alle acht Beutel aus meinem Schrank neben mir. Gleich muss ich los zum Einkaufen. Ich schaue die Beutel lange an. Sehe die klumpige Schrift, einen dämlichen Biber, einen Sonnenaufgang, der aussieht wie eine matschgelbe Pfütze und einen seltsam verformten Beutel, der in seinem früheren Leben als Kissenbezug in einem sibirischen Gulag gedient haben mag. Vielleicht, denke ich, freut sich meine kleine Tochter ja auch mal über neuen Stoff zum Nähen.
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07. November 2007
“Möchten Sie mal kosten?”
Ein Stückchen Splitterschokolade, Fairtrade, Kakaoanteil 75 Prozent. Drei Krümel Schweizer Bergkäse. Ein Becherchen Soya-Joghurt, Geschmacksrichtung – angeblich – Vanille. Zwei Scheibchen Dinkel-Landbrot. Ein Löffelchen Knusperflakes. Ein Glas Rotwein. Ein Schlückchen Ingwerlimonade und eine Mini-Portion Kichererbsenpürree. Nein, das ist nicht die erste „Ivyworld“-Diät für korpulente Veganer, sondern die tägliche Versuchung beim Einkauf. „Möchten Sie mal kosten?“ Ich möchte immer. Wenn man mir im Supermarkt ein Tablett mit Probeportionen hinhält, greife ich zu. Neulich sogar ein Flöckchen Butter – das dazugehörige Schwarzbrot hatte ich doch glatt übersehen…
Eigentlich probiere ich alles mindestens einmal. In Vietnam habe ich mal Schlange gegessen, was leckerer war als das schönste Biohuhn. In New York in Chinatown tippte ich ganz weltmännisch einfach nur auf die Karte und man servierte mir eine sehr liebevoll dekorierte gebackene Ratte, die, nun ja…
Aber zurück ins Testlabor Supermarkt. Schon oft habe ich mich gefragt, ob es eigentlich Benimmregeln für diese Freuden des Alltags gibt. Ein freundliches „Vielen Dank!“ bei Entgegennahme der Speisen ist selbstverständlich. Aber es sollte auch nicht zu euphorisch ausfallen: „Darauf habe ich schon den ganzen Tag gewartet!“ bei gleichzeitigem Leerräumen des Tabletts ist eher unangebracht. Man packt sich auch nichts „für zuhause“ ein und wird – auch wenn man so unauffällig aussieht wie ich – spätestens beim dritten zufälligen Vorbeischlendern mit Kostprobe eindeutig erkannt.
Und was macht man, wenn der Blick der sympathischen Tabletthalterin hoffnungsfroh auf einem ruht, während man versucht mit dem Puppenhausküchenlöffelchen den Soya-Joghurt aus dem Plastikbecher zu kratzen? Und sie einen womöglich fragt, wie es denn schmeckt? Ein souveränes „Noch eins!“ weist einen als genussfreudigen Endverbraucher mit Bekenntnismut aus. Ein „Das, was Sie hier verteilen, habe ich heute früh aus dem Duschablauf gekratzt“ mag dagegen zwar ehrlich sein, sollte aber von ethischen Konsumenten eher vermieden werden. Hier genießt der Kenner nicht, aber er schweigt und zeigt beim Fortgehen entschuldigend auf seinen vollen Mund..
Überhaupt fördert ja alles, was es umsonst gibt, die unangenehmsten Zeitgenossen ans Tageslicht. Wer schon mal einer Rotwein-Probe im Supermarkt beigewohnt hat, weiß, dass Testkoster in diesem Bereich so penetrant sind wie Inka-Flötenspieler in den Fußgängerzonen der Vorweihnachtszeit. Man erkennt sie an den leicht geröteten Nasen und den leeren Einkaufswagen, die sie als Alibi vor sich herschieben. „Was haben Sie denn da Schönes?“, fragen sie scheinheilig, während sie sich gerade mit der Zunge die Überreste der ersten, ungefragt geschnappten, Weinprobe von den Lippen lecken. Nach dem zweiten Becher kommt garantiert ein „Neulich hatten Sie mal so einen schönen runden aus der Bourgonnje“, meist in Verbindung mit einem aufdringlichen Blick ins Regal. „Sind ja ziemlich teuer zum Teil. Da kauft man ja nicht gern die Katze im Sack.“ Und spätestens, wenn aus „Katze“ „Kattsse“ geworden ist, fragt der Testkoster, ob man denn nicht auch mal ein anderes Fläschchen… so „zur Probe“.
So also nicht. Aber wie viele Schokoladenstückchen darf man eigentlich nehmen, bevor einen die Marktleitung rauswirft? Und muss man die Tafel dann auch kaufen, wenn sie einem so offensichtlich gut schmeckt?
Biosupermärkte sind ideale Beobachtungsposten, wenn man den kritischen Konsumenten bei der Arbeit zusehen will. Geht es um Süßes, findet sich garantiert nach kürzester Zeit die erste Mutter, die besorgt fragt: „Ist das denn wirklich Bio?“ – als ob der fleischige Dreijährige zu ihren Füssen von Biokeksen weniger dick würde als von Aldi-Schokolade. Meine Allerliebsten sind die Zurückleger. „Ich mag eigentlich gar keinen Käse“, stöhnte neulich eine ältere Dame nach dem ersten Biss und legte den Allgäuer Butterkäse zurück aufs Tablett. Auch schön die Allergiker: „Sind da etwa Nüsse drin????“ (Ein junger Mann, der gerade Soyamilch mit – so stand es groß auf der Packung: Haselnussgeschmack – probierte).
Aber ich sollte nicht lästern. Neulich ließ ich mir eine Scheibe bester italienischer Lammsalami schmecken, die die Dame hinter der Fleischtheke in meine Richtung gehalten hatte. Jedenfalls dachte ich das. Leider war es die Portion für die Kundin neben mir und das „Darf es ein bisschen mehr sein?“ war dann doch nicht für mich bestimmt.
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09. November 2007
Mein Wunschprodukt, Folge 1
Dass der Konsument die Macht hat, ist ein schöner Gedanke. Er allein entscheidet mit seinem Einkauf darüber, welche Waren in die Regale kommen, wie und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden. Firmen, die in finsteren Fabriken zu unzumutbaren Bedingungen fertigen lassen, ihre Arbeiter schlecht bezahlen, die Umwelt schädigen, Energie und Rohstoffe verschwenden oder dergleichen, haben keine Chance mehr. Ein schöner Gedanke, wie gesagt.
Doch was ist, wenn es die Produkte, die ich gerne kaufen würde, gar nicht gibt? Oder wenn ich nicht genug über die Bedingungen weiß, unter denen sie hergestellt wurden? Wenn ich in einen Media Markt oder Saturn gehe, um mir einen Computer oder einen Kühlschrank zu kaufen, erfahre ich nicht, wie umweltfreundlich die Hersteller produzieren, wie sehr sie sich bemühen, giftige Chemikalien aus dem Produktionsprozess zu verbannen, wie energiesparend ihre Fabriken laufen. Bei seiner Herstellung verbraucht ein Computer so viel Energie und Rohstoffe wie ein Kleinwagen. Das, was er an Strom kostet, wenn er läuft, ist im Vergleich dazu beinahe läppisch. Aber ich erfahre als Kunde nicht, welche Computerhersteller dieses Problem angehen und welche nicht. Wo bleibt da die Macht des Konsumenten?
Immer mehr Deutsche wollen Lebensmittel aus ökologischen Anbau essen, am allerliebsten aus der Region. Der Biomarkt steigt jährlich um fast 20 Prozent, die Anbaufläche in Deutschland um gerade mal zwei – weil die Umstiegshilfen auf Ökolandbau drastisch gekürzt wurden. Zwei bis drei Jahre dauert es, bis ein vormals konventionell bewirtschafteter Hof soweit entgiftet ist. In dieser Zeit fehlen Einnahmen. Deutsche Bauern bekommen inzwischen weniger Umstiegshilfe als ihre Kollegen in Slowenien – weil der Kunde es so will?
Wir können als Konsumenten nur “regieren”, wenn die ganze Geschichte eines Produktes – von der Herkunft über die Arbeitsbedingungen bis zur Ökobilanz – so offen vor uns liegt, dass wir selbst entscheiden können, was uns wichtig ist. Und wir werden unsere Macht schon auch noch politisch einsetzen müssen, damit die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.
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09. November 2007
Mein Wunschprodukt, Folge 2
Wo wir grad beim Wünschen sind – ich fang dann schon mal an: Ich wünsche mir ein 1-Liter-Auto mit unverwechselbarem Design, das mich geschmeidig durch die Schluchten der Großstadt trägt, von neidischen japanischen Touristen fotografiert wird, mit einstellbaren Sitzen (für Kindern), Höchstgeschwindigkeit 140, komplett recyclebar und schön kantig, weil abgerundete Autos was für die Spielzeugbox sind.
Ich wünsche mir ein Ökohandy mit kompostierbarer Bioplastikhülle, strahlungsarm und komplett recyclingfähiger Innenausstattung – schließlich reißt man ja auch nicht immer das ganze Haus ab, wenn man neue Möbel kauft.
Ich wünsche mir, dass meine Internetanbieter auf Ökostrom umsteigen bzw., dass ich auf die umsteigen kann, die das tun. Schreiben wir doch mal an 1&1, T-Online, Alice und wie sie alle heißen und weisen sie freundlich darauf hin, wie nachhaltig die ihre Megaserver betreiben könnten.
Und ich wünsche mir einen Kühlschrank, den ich auf meinen Balkon oder auf die Terrasse stellen kann, weil er sich ausschaltet, wenn es draußen kalt genug ist. Ich bin gerade über den Münchener Viktualienmarkt gelaufen (die besten Bio-Laugenstangen der Welt, leider) (Ich bin Hamburger), es ist schweinekalt und warum müssen wir bei so einem Wetter für das Kühlen von Lebensmitteln Strom verbrauchen? Also, liebe Erfinder, es gibt viel zu tun!
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17. November 2007
Wieder einer
Ein kleiner Biomarkt, fünf Fußminuten von mir, hat dicht gemacht. Der alte Schriftzug klebte nicht mehr lang am Fenster. Der Hand geschriebene Zettel mit ein paar dürren Dankesworten hing gerade mal einen Vormittag. Wieder ein kleiner Laden dicht. Kaputt gemacht vom Plus-Markt mit seiner BioBio-Eigenmarke, von Erdkorn und Alnatura, alles in Fahrradentfernung? Ein Symbol dafür, wie die Biowelle ihre Gründer überrollt? So einfach ist das nicht.
Wenn man im kleinen Biomarkt ganz in meiner Nähe einkaufen wollte, musste man Zeit mitbringen. Nicht weil einem die Verkäufer so viel über die Waren erzählen konnte, die sie verkauften. Eher hatte man stets das Gefühl, zu stören. Es dauerte immer eine Weile, bis sich mein „Lieblings“verkäufer ächzend von seinem Gesundheitshocker hoch wuchtete und zur Kasse schlurfte. Und jedes Mal packte er garantiert ein Brötchen zu wenig ein. Nicht mal zwei, mal passend oder mal eines zu viel, nein: Bestellte ich sechs, fand ich hinterher fünf in der Tüte. Bei drei waren es zwei, bei acht sieben. Immer genau eins – es gelang mir bis zum Schluss nicht, das Rätsel dieser zuverlässigen Unzuverlässigkeit zu lösen.
Einige Wochen lang wallten in mir gleichwohl so etwas wie Stammkunden-Empfindungen auf. Plötzlich führte der Laden die Bioland „Hafer Dinkel Snäckebrot“ in seinem bis dato eher unaufregenden Sortiment. Die gab’s sonst nirgendwo auf meiner täglichen Einkaufstour. Mein Lieblings-Knäcke! Da ich der einzige Käufer war, dauerte es einige Zeit, bis die Bestände leer gefuttert waren. Als das Regalfach eines Tages leer war, fragte ich schüchtern, wann es denn diese wunderbaren „Snäckebrote“ mal wieder gebe. Der Verkäufer starrte mich lange an. Sein Blick wanderte zum Regal, dann wieder zu mir. „Keine Ahnung“, entfuhr es ihm. „Woher soll ich das wissen?“
Natürlich gibt es in Deutschland auch großartige kleine, feine Naturkostläden, um die man bittere Tränen weinen würde. Geschäfte, in denen sanfte Missionare einen die ganze Schönheit natürlich angebauter Lebensmittel nahe bringen, ständig neue Sachen zeigen, die man anderswo nicht kriegt, in denen es nach Essen duftet (und nicht nach Dortmund) und man immer mehr kauft als man eigentlich wollte. Aber die anderen? In denen man taxiert wird, „ob man es wert sei, einer Sekte beizutreten “, wie das der österreichische Bio-Pionier Werner Lampert mal beschrieben hat. In denen es dasselbe gibt wie in jedem Biosupermarkt – nur teurer und nicht ganz so frisch? Nicht jeder kleine Biomarkt, der zumacht, ist ein Drama.
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17. November 2007
Paare beim Einkauf, Folge 1
Was für den Phobiker die Konfrontationstherapie ist für Paare der gemeinsame Einkaufsbummel. Am besten samstags, so gegen 12 Uhr, wenn es sogar in den Naturkostläden in der Öko-Diaspora brummt. Gemeinsam Einkaufen gehen kann ja sehr schön sein. Vor allem, wenn die Liebe noch so frisch ist wie die Demeter-Milch bei der Auslieferung. Man hält sich gegenseitig exotische Früchte unter die Nase und träumt sich gemeinsam an die Copacobana. Man freut sich darüber, dass man die selbe Joghurtsorte mag („Maracuja-Pfirsich fettarm? Du auch?“), demonstriert durch die Wahl eines Fairtradekaffees solide Gesinnung oder verrät bei der fachgerechten Zusammenstellung der Zutaten fürs Abendmenü seine Qualitäten als Koch. Und dann, Jahre später, steht man gemeinsam in der Schlange am Käsestand, blickt stumpf in den Einkaufswagen und fragt sich, ob man an seinem Leben nicht doch mehr ändern muss als den Fettgehalt in der Milch.Hier der erste Teil einer kleinen Typologie der Einkaufstypen, die einen am Wochenende zum „Ich geh schon Schatz, schlaf du dich mal aus“-Solo-Shopper werden lassen.
- Der Zurückpacker
Wenn sie zwei Becher Quark einpackt, packt er einen zurück. „Wir haben doch noch einen offenen im Kühlschrank“, sagt er streng. Die verpackte italienische Bio-Salami geht gar nicht („Wurst kaufen wir doch immer bei Luigi“) und bei der Schokolade hat sie schon wieder nicht auf den Kakaogehalt geachtet. „75 Prozent??? Schatz, du weißt doch, mein Magen!“ Beim Schlange stehen an der Kasse wechselt der Zurückpacker mindestens drei Mal die Reihe, weil es “nebenan schneller geht”. Geht es dann natürlich doch nicht. - Der Vorrechner
Bio-Milch für 1,29 Euro? Gibt es bei Plus für 89 Cent. Ein Laib Dinkelbrot für 4,20 Euro? In dem kleinen Souterrain-Geschäft gibt es „schnittfestes“ Schwarzbrot, gerade mal drei Tage jung, zum halben Preis. Und das ganze Obst? Wenn wir nachher beim Obstladen gucken, kriegen wir „ganz leicht angestossene“ Sachen zum halben Preis. Den Vorrechner wird frau übrigens nicht so leicht los. Meist hat sie ihn irgendwann mal geheiratet. „Wegen der Steuer.“ - Die Kriegswirtschaftlerin
Man weiß ja nie, was passiert. Okay, das Wochenende hat, Abendessen inklusive, höchstens vier Chancen für warme Mahlzeiten, dazu zwei kräftige Frühstücke und die Aussicht auf zwei verfressene DVD-Abende. Aber wie soll man am Samstag schon wissen, was man am Sonntag kochen will? So stapeln sich drei Sorten Fleisch, Gemüse aus drei Kontinenten, für alle Fälle Aufschnitt und ganz viel Brot im Wagen. Wiedersehen im Kompostmüll. Kriegswirtschaftlerinnen gehen grundsätzlich nie ohne ihren Partner Einkaufen. Denn der schleppt nachher die Tüten. - Die Hungerkünstlerin
„Du, ich bin noch ganz voll vom Frühstück“ (Ein Joghurt, Magermilch, mit irgendwas Zusammengefegtem drauf). Alles, was Mann in den Wagen packt, starrt sie an als handle es sich frisch Entsorgtes aus der Pathologie. Wurst geht gar nicht („Also, ICH ess das nicht!“), Brot „können wir auch morgen noch kaufen“ und Käse „macht eh zu fett“. Und überhaupt: „Wir können ja auch mal wieder essen gehen.“ Okay, Schatz, für mich ein Steak und was nimmst Du nicht?
In den nächsten Tagen folgen: Der Zwangsgourmet, der Schlaumeier, der Papi sowie die Missionarin, die Vergessliche und – Mutti.
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17. November 2007
Das Biomilch-Orakel
Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal vor zwei beinahe identischen Gläsern mit weißer Flüssigkeit so zittern würde. Nach der – gefühlt – tausendsten Diskussion drüber, ob Bio wirklich besser ist oder das Ganze eben doch großer Schwindel, nahm ich die Herausforderung an. „Wetten, dass ich Biomilch von normaler Milch am Geschmack unterscheiden kann?“, behauptete ich und bald darauf standen die zwei Gläser vor mir: Im einen Vollmilch von Aldi, im anderen Milch von glücklichen Biokühen. Ich nahm einen Schluck.
Ich nahm noch einen und ließ die Milch durch meinen Mund wandern wie der Weinkenner den Rebensaft. Ich gurgelte ein wenig nach. Dann das andere Glas. Lecker. Ich schmeckte blühende Wiesen, duftende Gräser – bildete ich mir jedenfalls ein. Beim Pokern zu Schulzeiten hatte ich gelernt, dem spontanen Impuls zu folgen. Und schwer sollte die Wahl ja auch nicht aussehen. „Die isses“, sagte ich und trank den Rest auch noch aus. Meinen Freund, der mir die Gläser serviert hatte, hatte ich zuletzt so beeindruckt gesehen als ich einen HSV-Sieg bei Bayern München korrekt vorhergesagt hatte (allerdings nach zuvor ungefähr elf Irrtümern hintereinander, muss ich zugeben). Er goss sich auch ein Glas ein. „Schmeckt schon ganz okay.“
Ehrlich gesagt, war die Aldi-Milch auch nicht übel, durchaus sahnig im Abgang, aber irgendwie auch charakterlos. Biomilch dagegen scheint jedes Mal ein wenig anders zu schmecken. „Die Tiere“, hatte mir mal ein Biobauer erzählt, „sind auch nicht immer gut drauf.“ Seither male ich mir Psychodramen auf der Weide aus: Eifersüchteleien um die besten Fressplätze, Wetterfühligkeit, Identitätsprobleme, weil gerade ein Laster mit einem Milkakuh-Motiv vorbeigefahren ist. Ich kann mir nicht helfen, aber dass Biomilch meistens großartig, aber eben auch mal nur so lala schmecken kann, beruhigt mich irgendwie.
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21. November 2007
Mitnahmeeffekt
Neulich habe ich eine subtil fiese, aber lustige Autowerbung gesehen. Gewollt verwackelte Bilder luden zur Zeitreise, mitten ins Lebensgefühl der 68er. Lange Haare, bunte Kleider, Flowerpower und – unvermeidlich – der VW-Bus. Und nun das Fiese am Clip: Subtil eingeblendet wurde die Unmenge von CO2, die das Auto gewordene Lebensgefühl der 68er in die Atmosphäre pustet. Irgendwas um die 300 mg pro Kilometer. Das ist schon mehr als das, was die verwechselbaren, Stromlinienautos unserer Tage so in die Luft ballern. Aktuelle Botschaft: Spießer fahren sauberer.
Selbstverständlich habe ich sofort vergessen, für welches Auto der Clip geworben hat. Für Menschen gibt es Gesichtsblindheit, ich habe diese Krankheit bei Autos, die für mich beinahe alle gleich aussehen. (Wer den Clip auch gesehen – bitte klärt mich auf!) Jetzt könnte man sich natürlich lustig machen über das Hippievolk von einst, das mit Schadstoffschleudern durch die Gegend rauschte und Unmengen CO2 und Marihuana in die Atmosphäre entließ. Andererseits kann ich mich an kaum einen VW-Bus erinnern, der länger als zehn Kilometer leer durch die Gegend gefahren ist. Der VW Bus war für Tramper das, was die Oase für Wüstenläufer ist. Ein VW-Bus nahm einen immer mit, egal ob zwei Menschen drin saßen oder schon sechs. Manchmal roch es nach Hund, manchmal nach freier Liebe, aber die Fahrten für lau im VW-Bus waren immer nett. Und wenn man jetzt noch einmal nachrechnet: Sagen wir, sechs Leute im klapprigen VW-Bus – macht pro Nase 50 mg CO2. Ein Mensch in einem langweiligen neuen Auto, der aus Prinzip keine Tramper mitnimmt, macht 150 mg CO2…
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22. November 2007
Das Leben der Anderen
Nur mal so geträumt: Man hat es geschafft, sein komplettes Einkaufsverhalten nach ethisch-ökologischen Kriterien auszurichten. Man hat sich durch unzählige Siegel-Hieroglyphen gekämpft, CO2-Bilanzen studiert, das Umweltbundesamt nach Ratschlägen gelöchert und drei Jahrgänge Ökotest auswendig gelernt. Die Fingernägel sind noch schwarz von der Kartoffelernte, zu der man mit S-Bahn und Fahrrad aufs Land gereist ist. Im Obstkorb liegen nur noch selbst gepflückte Äpfel und Birnen. Im Schrank hängen Biobaumwoll-Sachen und das, was vor zehn Jahren schon passte. Im Bad: Naturkosmetik. Die Nachrichten kommen aus dem Kurbelradio. Das sechs Jahre alte Handy, man schmeißt ja nix mehr weg, hängt gerade am Solarakku und wartet auf Sonne. Und dann kommt Volker.
Volker hat über seine persönliche CO2-Bilanz ungefähr so oft nachgedacht wie über die Befriedung des Kosovo. Er hupt, wenn in der Tempo-30-Zone vor ihm einer 50 fährt. Er isst am liebsten jeden Tag Rindfleisch, benutzt jede Plastiktüte nur einmal und kauft Lebensmittel grundsätzlich sonntags an der Tanke. Während Volker ein Bio-Bier vom Balkon holt („Schmeckt schon geil Dein komisches Bier“), überlege ich, ob ich mal mit ihm reden soll.
„Du Volker, hast Du schon mal über dein Einkaufsverhalten nachgedacht?“ Wird sicher ein Triumph, der Abend. Vielleicht: „Volker, hast du schon mal was vom Klimawandel gehört?“ Dann würde er mir erklären, dass es in Deutschland eh zu kalt ist. Und wenn ich ihm erzähle, wie viele Treibgase bei der Produktion von Rindfleisch so ablassen, würde er mir sagen, dass er Schweinekoteletts auch ganz gerne isst. Volker ist eigentlich ein Supertyp, aber eben mit stark unterentwickelten ökologischen Bewusstsein. Wie erwecke ich den grünen Riesen in ihm, ohne zu klingen wie ein grüner Politkommissionar?
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26. November 2007
Mindesthaltbarkeit
Ich muss ein Geständnis machen. Wenn Sie sich wundern, warum kurz vor Ladenschluss nur noch die Joghurtbecher und Milchpackungen im Regal stehen, deren Haltbarkeit morgen abläuft, war ich das. Im Kühlregal suche ich grundsätzlich nach dem frischesten Teil, egal wie weit hinten es liegt. Die Milch ist noch vier Tage haltbar? Super – doch da: Sechs Tage! Sofort räume ich den Einkaufswagen leer und die Noch-sechs-Tage-haltbar-Milch ein. Mozarella, der bis kurz vor Weihnachten hält? Großartig: der, der es nur bis Nikolaus schaffen würde, wandert zurück ins Regal. Obwohl ich ihn heute Abend essen würde. Ich bin eine Plage der einkaufenden Menschheit.
Manchmal tröste ich mich damit, meiner Marotte eine philosophische Dimension abzugewinnen. Mit meiner Suche nach dem immer späteren Datum, weiche ich womöglich der eigenen Vergänglichkeit aus, eine Art Todesflucht im Supermarkt. Mindesthaltbarkeitsdaten sind wie Grabsteine der Waren, die sie tragen. Sie verweisen auf die Endlichkeit aller Lebensmittel, aber irgendwie auch darauf, wie weit wir den natürlichen Zusammenhängen unserer Ernährung entrückt sind. Die meisten von uns wissen kaum noch etwas über die Dinge, die wir essen, können Weizen von Roggen nicht unterscheiden, haben noch nie eine Käserei gesehen oder Erdbeeren gepflückt. Wir kennen die Geschichte der Lebensmittel nicht mehr, aber das Datum ihres Todes.
Vielleicht aber, um aus diesen verblassenden Gedankenwindungen irgendwie herauszufinden, arbeite ich bei der Suche nach dem fernsten Haltbarkeitsdatum auch nur frühkindliche Traumata auf; Erinnerungen an den ekligen Geschmack gegorener Milch, an Quarkspeisen, in denen man Kulturen findet, die man sonst eher am unteren Rand von Duschvorhängen vermuten würde. Je mehr ich darüber nachdenke und schreibe, ich glaube, ab morgen nehme ich wieder von vorn.
Die Erstveröffentlichung von Fred Grimms Kolumnen “Fred kauft ein” war auf dem mittlerweile eingestellten LOHAS-Portal IVYWORLD. Mehr zum Thema…
