Selberbauen oder lassen?
Die FAZ hat es nach einem halben Jahr geschafft, das Buch “Marke Eigenbau” des Autorenteams Holm Friebe und Thomas Ramge mit dem neuen Trend “Selbermachen dank Krise” zu verknüpfen. Dabei lässt der Autor des Artikels “Wir basteln uns eine Weltanschauung” kein gutes Haar an der Do-it-Yourself-Industrie. Denn das Problem sei, kaum jemand hat die Zeit und das Wissen, mehr als nur ein paar Häkeldeckchen für Handys herzustellen.
Gut möglich, dass im juste milieu von Berlin-Mitte oder Hamburg-Winterhude die Schuhe aus der örtlichen Ledermanufaktur besser goutiert werden als Nike-Sneakers aus vietnamesischen Sweatshops. Aber es bedarf schon einer gewissen Arroganz, [...] die Frage ausblenden, ob auch die Nicht-ganz-so-gut-Verdiener mal eben ein paar Hunderter für rahmengenähte Treter übrig haben. Und ob chinesische Arbeiterinnen unbedingt ein würdevolleres Leben führen, wenn sie von ihren Fließbändern zurück aufs Land gehen, um dort Schweine zu hüten. (Quelle: faz)
Grundsätzlich alles richtig – aber ich denke es geht weniger darum, dass nun jeder alles selbst machen möchte, sondern um das LOHAS-Prinzip. Erst nachdenken, dann Bedarf ermitteln und danach kaufen. Unsere Wegwerf-Gesellschaft funktioniert aber nur dann richtig prima, wenn wir ständig neuen Mist kaufen, der möglichst schnell wieder kaputt geht. Dabei wird übersehen, dass das billige T-Shirt eigentlich uns viel teurer zu stehen kommt, weil es versteckte Kosten enthält . Wenn nun Häkel-Webseiten boomen, Leute Bärlauchpesto selbst machen oder ihre Kleidung reparieren, dann hat das meiner Meinung nach nicht nur etwas mit der Finanzkrise zu tun. Sondern eben damit, dass immer mehr Menschen versuchen, bestimmte Industrieprodukte zu meiden oder den Einweg-Konsum nicht mehr bedingungslos unterstützen wollen.
Natürlich können wir nicht unsere Handys selbst bauen. Aber wir können uns fragen, ob wir wirklich jedes Jahr ein neues brauchen, während das Alte funktionstüchtig in der Schublade liegt. Und ja, wir können auch zum Schraubenzieher greifen, wenn das Handy heruntergefallen ist, und die Schale verbogen wurde. Genau so kann man guten Gewissens seine Socken stopfen, wenn ein Loch drin ist. Natürlich “lohnt” es sich nicht beim 5er Pack für 5 Euro – aber wer gute Strümpfe zu einem transparenten Preis kauft, wird naturgegeben ein Interesse daran haben, diese lange zu behalten. Und wer sich im Netz mit neuen Brotback-Tipps versorgt, um sein eigenes Brot zu backen – der dürfte häufig nicht unbedingt vom Sparwillen angetrieben sein, sondern von dem unguten Gefühl, dass er oder sie nicht weiß, was in dem 1,49 Euro-Brot aus dem Discounter so alles drin steckt, und ob man das wirklich sich und seiner Familie zumuten sollte. Gleiches gilt für selbstgemachte Kosmetik – auch hier weiß ich, wenn ich eine Creme oder ein Aftershave anrühre, genau was drin ist und was eben NICHT an chemischen Zutaten weggelassen wurde.
Ich hoffe, es handelt sich bei der neuen Do-it-Yourself-Bewegung nicht um knausrige Sparfüchse, sondern um aufgeklärte Konsumenten, die durchs Selbermachen (neben Spaß haben) auch Produktionsprozesse hinterfragen wollen. Und die sich nicht mehr jeden Mist andrehen lassen, bloß weil es im Magazin X oder in der TV-Serie Y so gefordert wird…
Bildnachweis: (c) Foto von aboutpixel.de – Rainer Sturm

Ganz so neu ist das Selbermachen ja auch nicht. Nur von den üblichen Massenmedien wenig beachtet. Aber wenn man mal im Internetz guckt, mit was die Menschen sich so befassen, sieht man das recht deutlich. Alleine die unüberschaubare Anzahl Seiten, die sich mit Stricken befassen. Und die gute alte Hobbythek war auch nicht ganz grundlos sehr erfolgreich….
Es ist natürlich auch eine Zeitfrage. Aber im Bereich Kochen/Backen gibt es die Tendenz zum Selbst machen auch. Zum Beispiel sind “Vollkornbrötchen” relativ beliebt:
fressnet.de/blog/?p=88
Ja, ich backe auch gerne meine Brötchen selbst, aber es ist wirklich zeitaufwändig. Und leider werden die Dinger zwar sehr nahrhaft und lecker, sind aber meist etwas “komprimiert” (logisch, ist ja kein zusätzliches Triebmittel drin).